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08.09.2010 17:17 Uhr 0 Kommentare

Männer wollen im Kinderporno-Mammutprozess aussagen

Darmstadt (dpa) Vor einem Jahr ließen Ermittler eine straff organisierte Kinderpornografie-Bande hochgehen. Nun stehen neun Männer in Darmstadt vor Gericht. Sie sollen im Internet streng geheime Treffpunkte organisiert haben.
Sichergestellt
Konfiszierte Rechner und Festplatten nach einer Razzia gegen Kinderpornografie. (Archivbild)

Die neun Angeklagten würdigen einander vor dem Landgericht Darmstadt kaum eines Blickes. Zu Beginn eines der bundesweit größten Prozesse um Kinderpornografie im Internet mit mehr als 100 000 sichergestellten Sex-Dateien versteckt ein Hauptangeklagter sein Gesicht hinter einer Zeitung. Ein anderer Mann erscheint am Mittwoch mit einer in die Stirn gezogenen Pudelmütze. Die Anklage ist mehr als 160 Seiten lang.

Die Männer im Alter zwischen 30 und 58 Jahren sollen sich «nach und nach zusammengefunden» und als Drahtzieher zwischen 2006 und 2009 streng geheime Treffpunkte im Internet organisiert haben, wie Oberstaatsanwalt Rainer Franosch zu Beginn des Mammutprozesses sagte. Ziel: «Möglichst viele und aktuelle Bilder und Videos.» Um Geld sei es nicht gegangen.

In diesen «chats» und «boards» genannten Netzwerken sollen diese Dateien massenweise ausgetauscht worden sein - sogar Vergewaltigungen, Fessel- und Folterszenen. Bis Mitte Dezember sind fast zwei Dutzend Verhandlungstage geplant. Für den dritten Tag am nächsten Dienstag (14.) werden Aussagen der Männer erwartet.

«Das waren keine harmlosen Nacktbildchen», sagte Franosch. Die Opfer: Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Ein Teil des Materials stamme aus Deutschland, sagte der Jurist. Die Aufnahmen hätten für ihn als Ermittler schon «eine erhebliche Belastung» bedeutet. Rund 500 Nutzer sollen beteiligt gewesen sein, etwa 140 von ihnen wurden ermittelt. Gegen sie laufen gesonderte Verfahren. Die Frage nach einem möglichen Strafmaß wollte die Staatsanwaltschaft nicht beantworten. Die Strafkammer habe aber «eine Strafgewalt von bis zu 15 Jahren», hieß es.

Die Angeklagten im Alter zwischen 30 und 58 Jahren kommen aus mehreren Bundesländern. Sechs von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Das Verlesen der Anklage dauerte knapp drei Stunden. Dies und Verfahrensfragen nahmen den größten Teil des ersten Prozesstages in Anspruch.

Ein Hauptangeklagter muss sich zudem wegen des mehr als 20-fachen mitunter schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten - vor den Augen eines seiner Opfer, das im Gerichtssaal saß. Die heute junge Frau ist eine Nebenklägerin.

Im Internet habe sich die Bande «abgeschottet vom polizeilichen Zugriff» zu bewegen versucht, sagte Franosch weiter. Die Männer seien «teilweise sehr konspirativ» vorgegangen. «Die Treffpunkte konnten selbst mit Suchmaschinen wie Google nicht gefunden werden.» Für die «streng hierarchisch aufgebauten» Treffs seien Bezeichnungen wie «Zauberwald» und «Sonneninsel» gewählt worden. Teilnehmer hätten sich mit Spitznamen wie «Waldmeister» und «Lumpi» getarnt. 

Wer dazugehören wollte, habe erst einmal eine Art Aufnahmeprüfung bestehen müssen - «eine Keuschheitsprobe ablegen», nannte dies ein Ermittler. Je mehr pornografisches Material herbeigeschafft wurde, umso höher sei ein Nutzer in der Hierarchie geklettert. «Aber wer gegen Sicherheitsrichtlinien verstieß, wurde bestraft oder gelöscht», schilderte Franosch.   

Die Bande war nach einem anonymen Hinweis bei einer Razzia vor einem Jahr aufgeflogen. Die Ermittler waren auf mehr als 100 000 Dateien gestoßen.



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