»Unser Ziel ist es, Talente nach oben abzugeben«, sagt der Nachwuchskoordinator von Eintracht Frankfurt, Holger Müller: »Der einzelne Spieler steht bei der Förderung im Vordergrund. Das ist die Grundlage für Mannschaftserfolg.« Bei der U 17 geht diese Rechnung aktuell auf: Die Mannschaft von Trainer und Ex-Profi Uwe Bindewald, der selbst 18 Jahre lang das Adler-Trikot trug, hat die beiden ersten Pflichtspiele nach der Winterpause gewonnen und damit die Tabellenführung der Bundesliga Süd/Südwest übernommen. Aus der engen Spitzengruppe mit 1860 München, 1. FC Nürnberg, VfB Stuttgart und Bayern München qualifizieren sich die besten beiden Teams für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft.
Den Titel nennt der 16-jährige Patrick Barth als ein großes Ziel - neben einem guten Schulabschluss. »Weil nur wenige den Sprung zum Profi schaffen, dürfen schulische und berufliche Ausbildung nicht leiden«, sagt Holger Müller, der seit 16 Jahren hauptamtlich im Nachwuchsbereich der Eintracht tätig ist. »Wir glauben, man kann es gut kombinieren. Aber es bedeutet für die Jungs, dass sie kaum Freizeit haben.« Bei einer schweren Schularbeit kann mal eine Fußballeinheit ausfallen. Ansonsten stehen die U 16-Junioren nur am Mittwochnachmittag nicht auf dem Trainingsplatz. »Kurz vor Sommer- und Winterpause freut man sich schon, mal eine Woche frei zu haben«, sagt Marvin Schwäbe.
Rückhalt: Marvin Schwäbe
Der Torhüter aus Dieburg hat seinen Anteil daran, dass das Team in der Liga bislang die wenigsten Gegentore kassiert hat. Für die deutsche U 17-Nationalmannschaft hat der 16-Jährige bereits fünf Länderspiele absolviert. Er hofft, bei der Europameisterschaft in Slowenien von Ende April bis Mitte Mai dabei zu sein.
Marvin wäre nicht der Erste in seiner Familie, der dieses Jahr ein EM-Ticket löst. Sein Bruder Kevin tritt den bei den Titelkämpfen der Ringer Anfang März in Belgrad an. Der 21-Jährige, der für Zweitligist KSC Hösbach startet, ist amtierender deutscher Freistil-Meister im Halbschwergewicht.
Auch Marvin stand früher erfolgreich auf der Matte. Als Kinderprinz beim Dieburger Karneval 2006 trug er nicht umsonst den Beinamen »Ringer-Bu - Kraftathlet in Fußballschu«. Bei seinem Heimatverein Hassia Dieburg spielte Marvin bis zur D-Jugend im Feld. Dem Positionswechsel folgten die Vereinswechsel zu Kickers Offenbach und weiter zur Eintracht. »Am Fußball hatte ich mehr Spaß als am Ringen. Und unter einen Hut war es nicht mehr zu bringen.«
Vom Ringen hat sich der 16-Jährige »Ruhe, Geduld und Beweglichkeit« bewahrt: »Das hilft mir in Eins-gegen-eins-Situationen.« An Marvins Fähigkeiten zwischen den Pfosten feilt Torwarttrainer Horst Neubauer. Der gebürtige Straßbessenbacher, der in Mespelbrunn wohnt, betreut seit 2008 die Eintracht-Keeper bis zur U 23.
Abräumer: Patrick Barth
Eine Altersklasse unter der Regionalliga-Mannschaft, bei den U 19-Junioren, spielt derzeit Patrick Barth. Der Babenhäuser hat die Frankfurter Talentscouts vor fünf Jahren mit seinen Leistungen in der Dieburger Kreisauswahl überzeugt.
Dass der 16-Jährige aktuell nicht für die angestammte U 17 aufläuft, liegt zum einen an den verletzungsbedingten Lücken im älteren Jahrgang, den mit Alexander Schur ein weiterer langjähriger Eintracht-Profi trainiert. Zum anderen überzeugt Patrick in der Innenverteidigung oder als Sechser vor allem mit seiner Zweikampfstärke. Verbessern muss er nach eigenen Angaben noch »das Kommunizieren auf dem Feld«. Nachwuchskoordinator Müller meint: »Er macht seinen Job und ist ruhig dabei.«
Techniker: Clay Verkaj
Während Torwart Marvin Schwäbe und Patrick Barth zu den defensiven Stützen zählen, soll Clay Verkaj vor allem in der Offensive wirbeln. Nicht um sonst gibt er als Vorbild Mesut Özil an. Müller erkennt bei Clay, dessen Eltern aus Albanien nach Deutschland gekommen sind, eine ähnliche Spielanlage. Zurzeit ist er einer der wenigen des Jahrgangs 1995, die schon in der U 17-Bundesliga auflaufen.
Mit dem Kicken angefangen hat Clay im Alter von vier Jahren, sein erster Verein war DJK Aschaffenburg. Über die Teilnahme an einer Fußballschule ist er zum JFC Frankfurt gekommen. 2010 hat er ein Probetraining bei der Eintracht genutzt.
»Vor allem die Kondition hat mir gefehlt. Ich habe gemerkt, dass ich mehr machen muss«, sagt der 15-Jährige zur Umstellung auf das »Ausbilden zum Profispieler«, das der Verein Eintracht Frankfurt als sportliches Ziel für sein Leistungszentrum ausgibt.
»Spätestens im U 15-Bereich kann ein kleiner Verein die individuelle Ausbildung nicht mehr leisten«, sagt Nachwuchskoordinator Müller. »Das lässt sich auch nicht mehr aufholen«, sagt der 53-Jährige. Miroslav Klose ist die letzte große Ausnahme von dieser Regel, an die sich Müller erinnert. Der Nationalspieler kickte nach seiner Jugendzeit noch ein Jahr in der Bezirksliga, bevor sein Aufstieg begann.
Als weitere Schlagworte für die Talentförderung neben dem rein fußballerischen Aspekt nennt Holger Müller die Leistungsdiagnostik und die medizinische Betreuung. Im November 2010 hat die Eintracht ihr neu erbautes Leistungszentrum am Riederwald eröffnet, das vor Kurzem wieder ein Drei-Sterne-Zertifikat erhalten hat. Die Höchstwertung eines Bewertungssystems, das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) für die Talentschmieden von Erst- und Zweitligisten eingeführt hat.
Dem neuen Eintracht-Zentrum direkt angeschlossen ist ein Internat mit derzeit acht, ab dem Sommer neun Plätzen. »Für Klasse, nicht für Masse«, sagt Müller: »Wir machen uns sehr viele Gedanken. Es sollen Führungsspieler, Leistungsträger sein.« Eines der Appartements mit Bett, Schreibtisch und Bad bewohnt Clay.
Das Internat soll nicht dazu dienen, Talente aus ganz Deutschland nach Frankfurt zu holen. »Das muss jeder Verein selbst entscheiden, wir machen es nicht«, sagt der Nachwuchskoordinator der Eintracht zur Praxis anderer Proficlubs. Erst ab den U 13-Junioren sichtet die Eintracht laut Müller über den Frankfurter Raum hinaus in einem Umkreis »von 20 bis 30 Kilometern«. In den folgenden Altersklassen soll sich ein Kader finden, der im Jugendbereich »nur noch punktuell« verstärkt wird. »Wir glauben, dass Hessen und das bayerische Grenzland groß genug und die Talente dort gut genug sind.«
Thorsten Schmitt












































