Wie sie und ihr Lebensgefährte sich amüsiert haben beim Jahresempfang des bayerischen Ministerpräsidenten zum Beispiel. »Vor uns eine Staatssekretärin mit Mann. Was macht der Protokollchef? Er stellt ihn als Staatssekretär und sie als seine Gattin vor. Stoiber merkt’s und ist schon leicht irritiert. Dann wir. Wieder dasselbe Spiel. Der Beamte stellt meinen Partner als Börsenchef und mich als seine Begleiterin vor. Stoiber kennt mich und stutzt.«
Sie findet solche Peinlichkeiten amüsant, nimmt sie nicht persönlich. Sie nimmt nicht schnell etwas persönlich, sagt sie. Diese Dinge passieren in einer Welt, in der die berufstätige und erfolgreiche Frau immer noch gesellschaftlich zu wenig als Normalität wahrgenommen wird. Von klein auf hatte Christine Bortenlänger offenbar ein Gespür dafür, die Menschen zum Vorbild zu wählen, aus deren Verhalten sie Positives schöpfen kann.
Da ist der Onkel mit dem Bauernhof, der die kleine Christine auf den Bulldog lässt, ihr viel Vertrauen schenkt und auch nicht schimpft, wenn mal etwas schief geht. »Stattdessen hat er mir gezeigt, wie man Dinge wieder reparieren kann.« Da ist die Grundschullehrerin, die einen Mann und drei eigene Kinder hat, aber immer Zeit für ihre Schüler, die mit ihnen Theaterstücke am Nachmittag einstudiert, die Cello spielt und »immer gut drauf ist«. »Sie hat mir gezeigt: Du kannst alles haben im Leben, wenn du willst, Kinder, Mann, Beruf, Hobbys.«
Da ist der Abteilungsleiter in der Bank, der nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, als sie mit 20 Jahren schwanger wird. »Wir suchten sofort gemeinsam nach Wegen, damit ich meine Lehre trotzdem abschließen konnte.«
Während des Studiums lebt sie drei Leben – als Mutter, als Studentin und als Basketball spielende Sportlerin. Solange Kinderkrippe und Kindergarten zur Not den ganzen Tag offen stehen, ihre Mutter sie unterstützen kann, wenn der Sohn krank wird, solange geht alles gut. Doch dann kommt die Grundschule mit ihrer kurzen Unterrichtszeit – und wieder ein verständnisvoller Mensch. Diesmal ist es ihr Doktorvater, der selbst drei Kinder hat und sein jüngstes immer mal wieder mit an die Uni bringt. Er ist einen flexiblen Arbeitsstil gewöhnt und hat kein Problem damit, wenn manches zu Hause erledigt wird.
Als der Junge zehn ist, fordern die drei Leben ihren Tribut. »Ich war zwei Wochen krank und musste etwas ändern.« Sie tritt ein bisschen kürzer, doch ihre Karriere geht voran. Ihre Dissertation über die Automatisierung von Börse führt zu ersten Kontakten mit der bayerischen Börse, die seit 2003 Börse München heißt. 1998 wird sie dort stellvertretende Geschäftsleiterin, gut zwei Jahre später rückt sie mit an die Spitze.
Im Februar 2006 verleiht der Marketingclub München erstmals einen Sonderpreis. Dieser Preis geht an die Börse München, die – heißt es in der Laudatio – in den vergangenen drei Jahren »durch innovative Produkt- und Serviceleistungen verbunden mit konsequentem Marketing den Umsatz um 550 Prozent und den Marktanteil um 360 Prozent gesteigert hat. Sie hat sich positioniert als die Börse für den Privatanleger und den Mittelstand in Deutschland.« Solche Erfolge freuen Christine Bortenlänger in einer Zeit, in der über die Existenzberechtigung kleiner Börsen wie der Münchner diskutiert wird. »Deutschland braucht keine sieben Börsen«, ist auch sie überzeugt, »aber definitiv mehr als eine.« Konkurrenz und Wettbewerb sollen bleiben, und Bortenlänger will dafür sorgen, dass München weiter mitmischt auf dem Parkett, das schon lange im virtuellen Raum liegt.
4600 Aktien, 2600 Fonds und 2100 Rentenpapiere werden in München mittels des eigens entwickelten Computersystems »MaxOne« gehandelt, das den Kunden rasche und vollständige Abwicklung ihrer Orders zu Referenzkursen – also zum weltweiten besten Preis – verspricht.
Bortenlänger macht das anschaulich: »Ein Privatanleger, der an der Frankfurter Börse handeln will, ist wie ein Kunde, der in die Großmarkthalle kommt und ein Kilo Tomaten kaufen möchte. Klar gibt es dort Tomaten – aber nur steigenweise. Bei uns bekommt er das Kilo zum besten Preis.«
So wie die Börse München Partner für Privatanleger sein will, möchte sie auf der anderen Seite mittelständische Unternehmen unterstützen, die Kapitalgeber an der Börse suchen. Sie hilft beim Börsengang und hat voriges Jahr mit m:access dafür eine Plattform geschaffen.
Christine Bortenlänger findet all diese Entwicklungen spannend. Ihr Leben lang hat die knapp 40-Jährige stets dazugelernt – und nicht nur Fachwissen. Vorträge halten zum Beispiel (»Das habe ich früher gehasst«), sich selbst zu organisieren, sich Freiräume zu schaffen, irgendwohin zu fliegen auf der Welt und einen fremden Menschen treffen, um mit ihm zu verhandeln, im Team zu arbeiten und Entscheidungen zu treffen. »Manchmal bin ich ungeduldig und entscheide, ohne die Betroffenen lange zu fragen. Das findet vor allem meine Familie nicht immer gut«, gibt sie zu. Aber: »Ich kann nicht lange still sitzen. Ich brauche Bewegung.« Und darum passiert’s wohl immer wieder: Was sie in die Hand nimmt, das setzt sie in Bewegung.
Foto: Börse München
Zur Person
Christine Bortenlänger absolvierte von 1986 bis 1988 eine Banklehre bei der Bayerischen Vereinsbank AG in München. Danach studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Universität München mit dem Schwerpunkt Bankbetriebswirtschaftslehre und Systemforschung. Nach dem Examen 1994 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Organisation der Universität München. 1996 promovierte sie zum Thema »Börsenautomatisierung – Effizienzpotenziale und Durchsetzbarkeit«. Nach zwei Jahren als Projektleiterin bei Dr. Seebauer & Partner in München wurde Christine Bortenlänger stellvertretende Geschäftsführerin der Börse München, im Jahr 2000 dann mit 33 Jahren zusammen mit Andreas Schmidt Co-Geschäftsführerin der Börse München und damit Deutschlands einzige Börsenchefin. Das Unternehmen, das im vorigen Jahr sein 175-jähriges Bestehen feierte, beschäftigt 30 Mitarbeiter und wird als öffentlich-rechtliche Institution mit der Bayerischen Börse AG als privat-rechtlichem Träger geführt.
Börse München,
Lenbachplatz 2a,
80333 München,
Telefon: 089-549045-0,
Telefax 089-549045-31,
Internet: www.boerse-muenchen.de;
E-Mail: info@boerse-muenchen.de




































