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»Olivenholzschnitzerei ist für den Tourismus das wichtigste Gewerbe in Bethlehem«, verkündet die Internetseite der Stadt Bethlehem. Über die Ursprünge des Kunsthandwerks existieren unterschiedliche Meinungen. Manche Forscher meinen, dass im Zuge des Baus der Geburtsbasilika im vierten Jahrhundert Mönche den Einheimischen das Schnitzen beigebracht hätten. Andere Quellen wollen wissen, dass die Franziskaner im 15. Jahrhundert Schnitzer aus Florenz nach Bethlehem brachten. Wie dem auch sei: Heute wird in Dutzenden von Betrieben in Bethlehem und den Vororten Beit Jala und Beit Sahour das harte Olivenholz per Hand, aber auch mit ausrangierten Zahnarztbohrern bearbeitet.
Die meisten Schnitzereibetriebe mussten seit dem 2. Palästinenseraufstand im September 2000 deutliche Geschäftseinbußen verzeichnen oder Personal entlassen. »Während etwa fünf Jahren kamen so gut wie keine Touristen nach Bethlehem«, sagt der 35-jährige Jack Giacaman rückblickend. Auf 70 Prozent schätzt er den Rückgang im Tourismus seiner Heimatstadt zwischen 2000 und 2006. Und dabei wurde gleichzeitig das Holz teurer: Wegen der vielen israelischen Straßensperren im palästinensischen West-Jordanland - zeitweise waren es über 700 - musste Holz immer wieder von einem Lkw auf den nächsten umgeladen werden; über Feldwege umkurvten die Fahrer Kontrollpunkte oder »sterile« Straßen, die für Palästinenser gesperrt sind. Eine Lkw-Ladung Olivenholz von Nablus, etwa 80 Kilometer nördlich von Bethlehem, verteuerte sich von etwa 150 Euro auf 500 Euro. »Bethlehem ist wie eine Insel geworden, abgeschnitten von anderen palästinensischen Städten und Ost-Jerusalem«, fasst Schnitzer Jack die politische Lage, geprägt durch Straßensperren und Mauerbau, zusammen.
Das Bittere: Die Familie Giacaman hat selbst Hunderte von Olivenbäumen. Doch hat die israelische Trennbarriere, im Raum Bethlehem eine acht Meter hohe Betonmauer, die Giacamans von über 400 ihrer eigenen Bäume getrennt und abgeschnitten. »Wir können unsere Bäume nicht erreichen«?, erklärt der Vater zweier Töchter. Die Folge: Erstmals, soweit man in der Familiengeschichte zurückdenken kann, musste die Familie Olivenöl zukaufen. Früher hat die Ernte der eigenen Bäume bis zu 1500 Liter Öl pro Jahr ergeben. »Dieses Jahr haben wir nur 50 Liter eigenes Öl. Selbst 50 Bäume, die auf palästinensischer Seite liegen, konnten nicht abgeerntet werden. Als Jacks Angestellte sich den Bäumen in der Nähe der Barriere näherten, habe die israelische Armee mit Tränengas auf die Arbeiter geschossen.
Als wären das der Schwierigkeiten nicht genug, kommt ein innerpalästinensisches Problem hinzu: Reiseveranstalter, Reiseführer und Busfahrer bringen die ihnen anvertrauten Pilger meist zu Souvenir-Supermärkten, die laut Jack Giacaman bis zu 40 Prozent Vermittlerprovision zahlen. Da können Familienbetriebe wie der seine nicht mithalten. Der Katholik erzählt, in den letzten Monaten habe Bethlehem pro Tag etwa 1000 Besucher gesehen - doch kaum einer hat sich in sein Geschäft am Krippenplatz oder die Werkstatt in der Milchgrottengasse verloren.
Dabei sind seine Lager brechend voll: mit Krippen in allen Größen und Stilen, Kreuzen, Marienstatuen, religiösen Anhängern, Szenen aus dem Leben Jesu wie der Fußwaschung oder dem Letzten Abendmahl. Sein Geschäft läuft wie mit angezogener Handbremse. »Wir finden manchmal keine Arbeitsaufträge«, sagt Jack, dessen Nachname von den Kreuzfahrern abstammen soll. Zusätzlich hat Jack gelegentlich Ärger mit ausländischen Kunden: bis heute hat ein Händler aus Köln eine offen stehende Rechnung über 10000 Euro nicht beglichen. Dabei ist die Ware schon seit drei Jahren in der Stadt am Rhein.
Der Mittdreißiger hat sich trotz vieler Geschäftshindernissen seinen Humor nicht nehmen lassen und geht in die Offensive: Nach den Weihnachtstagen will er eine Internetseite erstellen. Erst dieser Tage hat er wieder einen Auftrag vom Untermain per Email bekommen. Die 750 Christbaumanhänger in Sternform sind schon unterwegs zu Kirchen in Hösbach und Glattbach.
Johannes Zang