Der Liebe wegen kam Kusch vor 20 Jahren nach Südhessen. Zuvor hatte sie in Moskau Germanistik studiert und promoviert. Dann arbeitete sie zehn Jahre als Deutschdozentin an der Uni in Riga. Beste Voraussetzungen, um in Deutschland als Dolmetscherin für Russisch und Lettisch zu arbeiten. Nachdem sie die staatlichen Prüfungen zur Dolmetscherin und Übersetzerin in Hessen bestanden hatte, dachte sie bald daran, im Gericht zu arbeiten.
»Am Anfang war das nicht so einfach, denn ich fühlte mich unter einem ähnlichen Druck wie die Angeklagten. Es hängen ja Schicksale davon ab, wie authentisch ich das Gesagte rüberbringe.« Denn Richter, Staatsanwälte und Anwälte sollen in ihren Worten den Angeklagten und die Zeugen reden hören, und nicht die Dolmetscherin. Es sei eine »unheimlich verantwortungsvolle« Tätigkeit, bei der sie schnell reagieren müsse. Oft ergebe sich auch ein ganz neuer Blick auf die Welt, denn »die Menschen und Schicksale vor Gericht sind immer anders und immer neu«, sagt Kusch, die auch bei Hochzeiten, Konferenzen und Messen dafür sorgt, dass sich die Menschen richtig verstehen.
Junge Leute, die sich für ein Dolmetscherstudium entscheiden, hätten zwar gute Chancen, die Rahmenbedingungen speziell für Gerichtsdolmetscher seien aber durchaus verbesserungswürdig. »Das Verständnis für diese Arbeit ist generell nicht sehr groß«, bedauert Kusch. »Als Dolmetscher kommt man beispielsweise in den Gerichtssaal ohne zu wissen, worum es überhaupt geht.« Dies soll die Unvoreingenommenheit sicherstellen, erläutert Kuschs Kollegin Ilse Freiburg vom Berufsverband der Übersetzer und Dolmetscher Hessen. »Wir wünschen uns aber, vorab zumindest grob über die Art des Falles informiert zu werden – immerhin sind wir vereidigt und unterliegen der Schweigepflicht!«
Eine andere Schwierigkeit: Nur in wenigen Bundesländern müssen Dolmetscher vor der Berufung ans Gericht ausreichende Kenntnisse der Rechtssprache und der Grundlagen des deutschen Rechts nachweisen. Hessen gehört nicht dazu. »Hier kann im Moment jeder ad hoc vereidigt werden, auch ohne Dolmetscherstudium und Sprachkenntnisnachweis«, sagt Kusch. »Wir müssen aber sehr viel mehr können als nur die Sprache zu sprechen.« Die akustisch zu verstehen sei auch nicht immer einfach, denn in manchen Gerichtssälen gebe es noch immer keine Mikrofone.
Das alles und die Arbeitszeit macht den Job oft anstrengend: »Acht Stunden Verhandlung mit einer kurzen Mittagspause sind keine Seltenheit«, berichtet Kusch. Und in der ohnehin schon knappen Pause werde sie oft gebeten, noch schnell das eine oder andere Gespräch zwischen Anwalt und Mandant von einer Sprache in die andere zu übertragen. Anderswo in Europa seien oft zwei Dolmetscher gemeinsam im Gericht, die sich im Halbstundentakt ablösen, ergänzt Ilse Freiburg.
Das anspruchsvolle und anstrengende Dolmetschen vor Gericht »wird leider unter dem Niveau der auf dem freien Markt üblichen Honorare bezahlt«, sagt Kusch. »Und trotzdem gehen unsere Stundensätze in einigen behördlichen Bereichen immer weiter nach unten in einem Maß, dass man getrost von der Gefährdung eines Berufsstandes sprechen kann.« Allzu leicht gewinne man den Eindruck, den Behörden sei nicht bewusst, dass es kompetente Dolmetscher mit Kenntnissen über juristische und kulturelle Unterschiede brauche, damit Verfahren fair und reibungslos ablaufen könnten.
Trotzdem ist Alla Kusch mit Herzblut Gerichtsdolmetscherin – und würde auch ihrer Tochter jederzeit empfehlen, eine Laufbahn als Sprachvermittlerin einzuschlagen. »Es kommt nie Langeweile auf. Und im Angesicht vieler Aussagen, die man dort hört, lernt man sein eigenes Leben viel mehr zu schätzen und merkt, wie gut es einem eigentlich geht.«
Petra Knobel, dpa





























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