»Haben Sie die Putten gesehen, schön - oder?«, fragt der Museumsdirektor. »Hochfürstliche und hochgräfliche Residenzstadt Wertheim« steht auf dem Banner darüber. Leider sei der Stich eingerissen, vermutlich sei er bereits mit dem Schaden angekauft worden, vermutet Paczkowski: »Dennoch pflegen wir ihn.«
Der Stich zeigt eine Stadtansicht von Süden her, wie Kaspar Merian sie auch schon produziert hat. Die Darstellung ist erstaunlich detailliert und präzise gearbeitet, 17 Gebäude werden namentlich aufgeführt und sind im Stich markiert. Am linken Bildrand erkennt man den Wartturm, die Legende im Stich bezeichnet ihn mit »die Wahrt«. Ganz rechts sieht man »das alte Schloss« am Hang liegen. Warum heute meist Burg gesagt werde, sei nicht ganz klar, sagt Paczkowski. Bei der Zerstörung jedenfalls habe es sich um einen nicht primär wehrhaften, aber schmucken Renaissanceausbau gehandelt: »Und außerdem sagen wir ja heute noch immer Schlossberg und nicht etwa Burgberg«.
Datieren lasse sich die Archivalie nicht ohne Weiteres, immerhin findet die »Gräflich Ludwig Moritz’sche Hofhaltung« Erwähnung - ein erster Hinweis für Paczkowski. »Gräflich, das muss nach 1600 sein, weil schon katholisch, gefürstet wurden die Katholischen 1711, der Stich müsste also danach entstanden sein«, sagt er und stolpert über den vermerkten Begriff »Vorstadt«. »Übertauber« sei auch gesagt worden, so sei der Bereich links der Tauber nicht immer als Stadtteil gesehen worden: »sondern auch als eigenständiger ummauerter Bereich mit eigenständiger Struktur«.
Heinrich Friedrich Graf zu Löwenstein-Wertheim-Virneburg, der Name gibt neuen Halt bei der Datierung. Gelebt hat er von 1682 bis 1721. Verheiratet war er mit Amöna Sophie Friederike Gräfin von Limburg (1684-1746) - für Paczkowski eine wichtige Information: »Von Amöna wissen wir, dass sie sich das Kreuzwertheimer Schloss als Witwensitz gebaut hat - also nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1721.« Die beigezogenen Unterlagen nennen als Baujahr 1736. Und wirklich, im Stich erkennt man am anderen Mainufer die Türme, die Kirche, aber ein Schloss ist nicht zu sehen. Die Probe ist sozusagen gerechnet.
»Festhalten lässt sich: der Stich muss zwischen 1711 und 1721 entstanden sein.« Gerade eben spricht Paczkowski noch über die Daten und die interessante Bedeutung der Titulatur der evangelischen Linie, da wird seine Aufmerksamkeit bereits von etwas anderem eingenommen. Unter dem Punkt »K« führt die Legende die »neue Vorstadt« auf. »Das ist die Mühlenstraße«, Paczkowski erkennt das innere sowie das äußere Mühlentor, kurz darauf auch das innere und äußere Hirschtor, »sogar mit der Brücke! Ach und dort: Beste-Haid …« Paczkowski ist begeistert.
Ein Kupferstich, klein, eingerissen, nicht komplett, etwas fleckig und früher einmal etwas unsachgemäß aufgeklebt - und dennoch ein kleiner Schatz, »an dem sich die Veränderung der Stadt ablesen lässt«. Die Archivalie Nr. 4214 scheint das Fragment des einzig erhaltenen Stichs aus dieser Serie zu sein - vielleicht von geringem wirtschaftlichen Wert, allemal jedoch von hohem kulturhistorischen Interesse: »Wir haben bislang nirgendwo ein Pendant finden können«, sagt Paczkowski und blickt zufrieden ein letztes Mal durch die Lupe.
Michael Geringhoff






































