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03.07.2009 00:00 Uhr 0 Kommentare

Wolfgang Hartmann Zur frühen Geschichte von Sommerau und seiner Wasserburg

 Das Wasserschloss Sommerau im Elsavatal war am Tag des offenen Denkmals sowohl 2007 als auch 2008 das Ziel überraschend vieler Besucher. Dies liegt wohl weniger an den Baumaßnahmen, die dort durchgeführt wurden bzw. geplant sind, als vielmehr in der vorherigen Unzugänglichkeit der Anlage. Wer früher das von Sagen umrankte Bauwerk näher betrachten wollte, stand vor verschlossenem Tor und musste sich mit sehr beschränkten Blicköffnungen durch das Astwerk des von einer Mauer umgebenen Schlossparks begnügen.
Wolfgang Hartmann Zur frühen Geschichte von Sommerau und seiner Wasserburg
In der einschlägigen Literatur ist wiederholt zu lesen, das Sommerauer Schloss sei 1143 durch einen Eberhard von Fechenbach (Vechinbach) errichtet worden 1 . Demnach müsste es sich um einen der ältesten Adelssitze im Spessart handeln. Diese meist mit keinem Quellenbeleg versehene, dennoch immer wieder unkritisch übernommene Angabe 2 erscheint aus mehreren Gründen sehr zweifelhaft. Zum einen fügt sich die Erbauung einer Niederadelsburg im Elsavatal um die Mitte des 12. Jahrhunderts schwerlich in den regional- und lokalgeschichtlichen Kontext. Zum anderen ist zu fragen, warum die Burg in den mittelalterlichen Urkunden als mainzisches Lehen begegnet, warum sie zwischen den Fechenbach und den ebenfalls niederadeligen Kottwitz (von Aulenbach) geteilt war und warum sich Erstere nicht nach diesem angeblich so alten Familiensitz benannt haben, sondern nach dem von der Burg Collenberg beherrschten Fechenbach am Main. Dort sind Ortsadelige - es waren die Brüder Offo und Brunward von Fechenbach - erstmals 1214 urkundlich greifbar 3 . Da keiner der auffälligen Vornamen bei den späteren Herren von Fechenbach mehr erscheint, ist zudem keineswegs sicher, dass dieses im 20. Jahrhundert erloschene Adelsgeschlecht im Mannesstamm auf einen der Brüder zurückgeht, wie oft angenommen wird.

Wurde Schloss Sommerau wirklich schon 1143 erbaut ? Es gibt also genügend Gründe, die frühe Geschichte der Burg Sommerau einmal gründlicher zu durchleuchten. Beginnen wir bei der angeblich ältesten Nachricht von 1143. Die Suche nach ihrem Ursprung ergab, dass es sich um eine Behauptung des Reichsfreiherrn Friedrich Karl Konstantin von Fechenbach (1836 -1907) handelt, der 1891 im "Erzähler am Main" der dort von dem Historiker August Amrhein begründeten Klassifizierung der Fechenbacher als (insbesondere Mainzer) Ministeriale widersprach und die Abstammung seines Geschlechtes von rheinischem Uradel glaubhaft zu machen versuchte 4 . Das von ihm als angebliche Quelle genannte Fechenbacher Familienarchiv zu Laudenbach ist 1969 vollständig ins Staatsarchiv Würzburg verbracht und dort von Dr. Hatto Kallfelz, dem späteren Leiter des Staatsarchivs, mustergültig bearbeitet und erschlossen worden 5 . Urkunden oder sonstige Nachrichten aus dem 12. Jahrhundert kamen nicht zum Vorschein. Auch Karl Diel kennt in seiner 1951 erschienenen Arbeit über die Freiherren von Fechenbach keinen früheren Bezugspunkt als die Nennung der Brüder Offo und Brunward von Fechenbach zu 1214 6 .

Als unzutreffend erwies sich auch die im Genealogischen Handbuch des Adels ("Gotha") von 1966 (S. 108) zu findende Nennung eines Offo von Vechimbach zu 1136. In der dort zitierten Quelle, einer Würzburger Bischofsurkunde des genannten Jahres, ist zwar unter den ministerialischen Zeugen ein Offo - neben einem Brunuuart - zu finden, jedoch ohne Zubenennung. Auch wenn die beiden Herren aufgrund der Seltenheit ihrer Vornamen und ihrer Zeugennachbarschaft sehr wohl als Vorfahren der gleichnamigen, 1214 genannten Fechenbach-Brüder in Betracht kommen, ihre Benennung nach Vechimbach ist jedenfalls eine Erfindung! Um eine solche dürfte es sich auch bei dem vom Reichsfreiherrn Friedrich Karl Konstantin in die Welt gesetzten, urkundlich bisher nirgends greifbaren Eberhard von Vechinbach des Jahres 1143 handeln. Woher der als sehr streitbar und standesbewusst überlieferte Freiherr, mit dem sein Geschlecht 1907 im Mannesstamm erloschen ist 7 , die alte Schreibweise des Ortsnamens Fechenbach kannte, lässt sich nachvollziehen: 1804 hatte seine Familie genealogische Forschungen im Bronnbacher Archiv anstellen lassen 8 . Dort stieß man auf die bereits erwähnte Urkunde von 1214, die den Ort Vechinbach nennt. Dass dieses Dokument nunmehr als älteste Nachricht zur Fechenbacher Geschichte galt, beweist eine 1844 von Friedrichs Vater erstellte Stammtafel, die als frühesten Beleg das Jahr 1214 anführt 9 !

Mainz contra Rieneck Die Genealogie der Freiherren von Fechenbach vermag also die Entstehungsgeschichte der Burg Sommerau nicht zu erhellen. Deren urkundlich belegte Eigenschaft als Mainzer Lehen und ihre Nähe zu dem im Mittelalter von den Grafen von Rieneck beherrschten Eschau lenkt deshalb den Blick auf die beiden im 13. Jahrhundert um die Vorherrschaft im Spessart ringenden Territorialmächte. 1259 bestieg Werner von Eppstein den Mainzer Erzbischofsthron. Schon gleich nach seinem Amtsantritt begann der Eppsteiner die Machtansprüche der im Spessart über umfangreiche Besitzungen verfügenden Grafen von Rieneck rigoros zu beschneiden. Er lässt deren Burg Wildenstein nahe Eschau erobern und ringt wenig später den Rieneckern die Zusage ab, ihre neue (wahrscheinlich auf dem Gräfenberg bei Rottenberg entstandene) Burg Landesehre niederzulegen und im westlichen Spessart keine Burg oder sonstige Befestigung mehr zu errichten 10 .

Trotz dieses Versprechens beginnen die Rienecker 1261 mit dem Bau einer Befestigung in Eschau. Der Erzbischof kommt daraufhin nach Miltenberg. In aller Öffentlichkeit werden auf dem Feld bei Bürgstadt (in campo apud Burgestat) die Verträge vorgezeigt und verlesen, in denen die Rienecker auf den Bau von Burgen verzichtet hatten. Die Grafen verweigern jedoch die Anhörung, die von Mainz angestrebte Schlichtung scheitert. Daraufhin lässt der Erzbischof den Rienecker Wehrbau in Eschau zerstören und beginnt dort selbst mit dem Bau einer Burg 11 .

Zu einer erneuten Verhandlung zwischen den Kontrahenten kommt es wenige Wochen später auf dem Feld unterhalb der Burg Rannenberg (auch: Randenberg) bei Alzenau. Die drei Grafenbrüder Ludwig, Gerhard und Heinrich von Rieneck gestehen die Unrechtmäßigkeit ihres Burgbaues zu Eschau ein und erklären sich zu einem gebietsmäßig noch umfassenderen Verzicht auf Burgbauten bereit. Im Gegenzug lässt der Erzbischof sein (aus zeitlichen Gründen sicher noch unvollendetes) castrum Esche wieder abbauen 12 .

Warum, so fragt man sich, stützte sich der Mainzer Metropolit bei diesem erbitterten machtpolitischen Ringen nicht auf die Eschau direkt benachbarte Burg Sommerau, die in der wenige Jahre später einsetzenden schriftlichen Überlieferung als mainzisches Lehen begegnet? Die Antwort dürfte lauten: Es gab diese Wehranlage damals noch gar nicht! Geht man von dieser nächst liegenden Schlussfolgerung aus, so wird zum einen erklärbar, warum sich die Fechenbacher nicht nach ihrem angeblich so alten Wohnsitz Sommerau nannten, zum anderen, weshalb Mainz auf die Rienecker Aktivitäten 1261 mit einem eigenen Burgbau reagierte.

Hieß Sommerau einst "Sahsen"? Von großer Bedeutung für die Frühgeschichte von Sommerau ist das so genannte Mainzer Koppelfutterregister, das die Siedlungsverhältnisse unseres Raumes um die Mitte des 13. Jahrhunderts widerspiegelt. Da in diesem Verzeichnis unter den Orten der Cent zur Eich (Centa ad quercum) kein Sommerau genannt wird, jedoch zwischen Himmelthal (Hyemeldal) und Eschau (Escehe) eine Siedlung namens Sahsen aufgeführt ist 13 , verfestigte sich die Meinung, Sommerau habe einst ?Sachsen" geheißen und sei eine Ansiedlung von unter Kaiser Karl dem Großen deportierten Angehörigen dieses von ihm unterworfenen Volksstammes gewesen 14 . Einer solchen Interpretation ist allein schon aus zeitlichen Gründen zu widersprechen. So wird die Entstehung von Sommerau aufgrund seiner Streifengut-Flurform von der kulturgeografischen Forschung ins 13. Jahrhundert datiert 15 . Aber auch wenn man den Ortsnamen Sahsen als "Sassen" im Sinne von Wohnsitz (althochdeutsch saza ) deutet, was wesentlich wahrscheinlicher ist, gibt es keinen Anlass, ihn mit Sommerau in Verbindung zu bringen. Es spricht nämlich vieles dafür, dass die Siedlung Sahsen einst dort gestanden hat, wo es das Koppelfutterregister andeutet, nämlich zwischen Himmelthal und Eschau im Elsavatal. Die günstigste Siedlungsfläche findet sich hier in jenem Bereich, wo die von Mönchberg, Streit und früher auch von Klingenberg her kommenden Altwege auf die Talstraße treffen 15 . Auch die Fragen, warum und wann Sahsen wüst geworden ist und weshalb oberhalb der aufgegebenen Ansiedlung der Neuhof entstanden ist, lassen sich beantworten, doch ist dies eine eigene Geschichte und hat nichts mit Sommerau zu tun 17 .

Eschau beiderseits der Elsava Den Hauptgrund, warum im Koppelfutterverzeichnis der Name Sommerau nicht erscheint und weshalb eine Identität mit Sahsen mit Bestimmtheit auszuschließen ist, vermittelt die heute im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrte Archivalie selbst. Sie spricht nämlich bei Eschau von Escehe ex altera parte, also nur von einem Teil des Ortes. Der gleiche räumlich einschränkende Zusatz erscheint bei Faulbach und Altenbuch. Dort war das Koppelfutter, eine Abgabe der Gemeinden für seitens der Herrschaft eingeräumte Weiderechte ("Koppelweide") 18 , jeweils nur von den Ortsteilen zu entrichten, die auf der mainzischen Seite des beide Orte rechtlich trennenden Baches lagen. In ähnlicher Weise muss dies bei Eschau der Fall gewesen sein, auch wenn dort die Elsava (noch) keine Centgrenze darstellte. Wie spätere Quellen nahe legen 19 , dürfte hier der einst komplett den Rieneckern gehörende ältere Siedlungsteil, also das links der Elsava gelegene Eschau, vom Koppelfutter befreit gewesen sein. Auch wenn es umgekehrt der Fall gewesen wäre, das Register gibt deutlich zu erkennen, dass es damals noch keinen Ort Sommerau gab, dass dessen Vorgängersiedlung zu dieser Zeit noch bzw. ebenfalls Eschau hieß!

Wann und warum aber kam es zum Namenswechsel? Diese Frage berührt, wie sich gleich zeigen wird, unmittelbar die Entstehungsgeschichte der Burg Sommerau. Ihre (indirekte) urkundliche Erstnennung findet sie in einer Urkunde von 1277. Damals verschrieben der Ritter Gernod, genannt von Sommerau (dictus de Sumerawe), und seine Frau Jutta dem Kloster Himmelthal, wo ihre Tochter Mechthild als Nonne eintrat, Abgaben von ihrem Hof in Eschau (Eschehe) 20 . Gernod, für den sein Bruder Walther zeugte, war ein Angehöriger der nach ihrem Beinamen Kottwitz (die ursprüngliche Schreibweise war Codebuz, Kotwiss und ähnlich) benannten Ritterfamilie und bekleidete damals (schon 1272 belegt) das Amt des mainzischen Vizedoms zu Aschaffenburg 20 . In ihm denjenigen zu sehen, der im Auftrag seines erzbischöflichen Herrn die Wasserburg Sommerau, nach der er sich zweifellos benannte, errichtet hat, ist nicht nur aus den oben bereits angeführten Gründen gerechtfertigt. Die Bedeutung der Aschaffenburger Vizedome für die Mainzer Burgenpolitik im Spessart zeigt sich auch anderenorts, so im nahen Mönchberg und in besonders markanter Weise bei dem nordwestlich von Sommerau, im Wald bei Kleinwallstadt gelegenen "Alten Schloss". Der durch kürzlich vorgenommene archäologische Grabungen verdeutlichte Befund, dass diese Wehranlage einst mit großem Aufwand errichtet worden ist, entspricht der bereits anhand urkundlicher Überlieferungen und weiterer Fakten gewonnenen Erkenntnis, dass es sich um die mainzische Burg Waldenberg handelt. Ihre Erbauung unter Vizedom Konrad von Wallstadt/Waldenburg ist wahrscheinlich als Initiative des 1183 (nach seiner Verbannung durch Kaiser Friedrich Barbarossa) auf den Mainzer Erzbischofsthron zurückgekehrten Konrad von Wittelsbach zu werten, der damit auf die intensive staufische Reichslandpolitik am Untermain reagiert haben dürfte 22 .

Gegenposition zum Rienecker Besitzkomplex Die Burg Waldenberg ist allen Anzeichen zufolge während der Hochphase der Mainz-Rienecker Fehde, wahrscheinlich 1259/1260, zusammen mit der Burg Wil-denstein, zerstört worden 23 . 1271 war der erbitterte Kampf um die Herrschaft im Spessart zugunsten des Mainzer Erzstiftes entschieden. Die Grafen von Rieneck mussten sich in Aschaffenburg unterwerfen. Schon bald danach erfolgte nach unseren Erkenntnissen die Erzbischof Werner von Eppstein und seinem Aschaffenburger Vizedom Gernod Kottwitz zuzuschreibende Erbauung der Wasserburg Sommerau. Sie verkörperte nicht nur mainzische Machtansprüche, sondern stellte zweifellos auch eine Gegenposition zum rieneckischen Besitzkomplex im mittleren Elsavatal dar, insbesondere zu Eschau und zur schon bald wieder funktionsfähigen Veste Wildenstein. Offensichtlich übernahm die Burg Sommerau einen räumlich konzentrierten Teil der Funktionen, die ursprünglich der Burg Waldenberg zugedacht waren. Letztere dürfte sich zur Zeit ihrer Zerstörung ebenso wie die Burg Rannenberg bei Alzenau-Kälberau, deren ehemalige Herren 1227 von Mainz mit der Burg Waldenberg belehnt worden waren, in der Hand der Rienecker befunden haben, wobei vieles dafür spricht, dass es - wie auf dem Wildenstein - Angehörige der Kottwitz waren, die als rieneckische Burgmannen auf der Waldenburg saßen. Der Mainzer Erzbischof hat nach seinem Sieg über die Rienecker offenbar gezielt dieselbe Niederadelsfamilie mit dem Vizedomamt an sich gebunden und mit der Errichtung der Burg Sommerau beauftragt, die von den vorausgegangenen Zerstörungen der Vesten Wildenstein und Waldenberg am unmittelbarsten betroffen war 24 .

Dass sich die Rienecker den Wildenstein erhalten und weiter ausbauen konnten, verdanken sie einem politisch geschickten Schachzug: Sie unterstellten die Burg zusammen mit Eschau (und weiterem durch Mainz gefährdeten Besitz bei Kleinheubach) der Lehenshoheit des rheinischen Pfalzgrafen. 1291 wurde dieses Lehensverhältnis zum mächtigen Rivalen des Mainzer Erzbischofs erneuert, dürfte also bereits in der Endphase der Mainz-Rienecker Fehde oder kurz danach entstanden sein 25 . Gut denkbar ist ein enger Zusammenhang zwischen der Lehensauftragung der Veste Wildenstein an die Pfalz und der Errichtung der Burg Sommerau. Einer Stärkung der Rienecker Position diente auch die 1285 erfolgte Verleihung eines königlichen Freiheitsprivilegs für Eschau 26 .

Mainzer Forsthuben Welche Funktion die mit der Burg Sommerau belehnten Adeligen und ihr Dienstpersonal noch wahrzunehmen hatten, verdeutlicht ein im 14. oder 15. Jahrhundert entstandenes "Spessarter Försterweistum". Es berichtet von drei mainzischen Forsthuben in Sommerawe (und einer in Wintersbach), deren Inhaber die Forst- und Jagdaufsicht in einem Gebiet ausübten, dessen Grenze von der Elsava den Krausenbach (Dammbach) aufwärts über die Gebirgshöhe bei Rohrbrunn bis an den Haslochbach und von dort den Main abwärts bis zur Elsava verlief, somit den gesamten Südwestspessart umfasste 27 . Die Standorte der ehemaligen Sommerauer Forsthuben (ursprünglich war es vermutlich nur eine 28 ) sind sehr wahrscheinlich dort zu suchen, wo sich unweit des Wasserschlosses zu beiden Seiten der von Eschau herkommenden Straße die stattlichen Bauten zweier (früher vermutlich dreier) Gebäudekomplexe erhalten haben, die sich mit massivem Mauerwerk, Wappenschmuck und weiteren architektonischen Besonderheiten deutlich von den bäuerlichen Hofstätten des restlichen Dorfes abheben. Ihre Geschichte ist, wie die Wappen bestätigen (siehe unten), eng mit dem Schloss und seinen mittelalterlichen Herren verknüpft. In diesem Bereich haben wir zweifellos den historischen Siedlungskern von Sommerau vor uns, dessen ursprünglicher Name Eschau anhand des Koppelfutterregisters erschließbar ist.

Nachfolger der Burg Eschau? Da Sommerau zur Zeit der Mainz-Rienecker Fehde noch den Namen Eschau trug, möchte man meinen, dass der Mainzer Erzbischof Werner die Wasserburg auf demselben Platz hat erbauen lassen wie sein im Sommer 1261 begonnenes und schon bald wieder aufgegebenes castrum Esche, zumal dessen Standort bisher noch nicht lokalisiert werden konnte. Die urkundliche Überlieferung ist in ihren Aussagen nicht eindeutig, wird aber meist so interpretiert, dass Mainz nach der Einnahme des von den Rieneckern begonnenen Burgbaues in Eschau dazu übergegangen war, dieselbe Wehranlage für sich zu nutzen und weiter auszubauen 29 . Der dadurch entstandene besitzrechtlich unsichere Zustand vermag zu begründen, warum sich der Erzbischof schon bald - nach einer Schlichtungsverhandlung - zur Schleifung der Burg bereit erklärt hat. Dies wäre wohl kaum der Fall gewesen, wenn er das fragliche castrum Esche auf Mainzer Grund und Boden rechts der Elsava erbaut gehabt hätte. Gegen die in Erwägung zu ziehende Möglichkeit, dass Mainz hier erst nach 1261 Besitz erworben hat, spricht die räumlich weit reichende Zuständigkeit der Sommerauer Forsthuben.

Namenswechsel: von Eschau zu Sommerau Auch wenn die Vorgänge um das castrum Esche letztlich nicht mehr konkret rekonstruierbar sind, so ist doch mit Hilfe des Koppelfutterregisters klar zu erkennen, dass es zunächst nur die wenige Jahre später erbaute Wasserburg gewesen ist, die "Sommeraue" genannt wurde, und dass sich ihr Name schon bald auf die benachbarte(n) Forsthube(n) und die restliche rechts der Elsava gelegene bzw. dort nachfolgend entstandene Siedlung übertrug. Diese begegnet uns mit ihrem neuen Namen erstmals in einer Urkunde des Klosters Himmelthal von 1354. Ein darin erwähnter Pfarrer Ulrich in Summerawe dokumentiert gleichzeitig die Existenz einer örtlichen Pfarrkirche 30 . Was den Namen "Sommeraue" selbst betrifft, so entspricht er genau dem Bauplatz der Wasserburg auf einem im Süden (Sonnenseite) der mainzischen Forsthuben gelegenen feuchten Wiesengrund (Aue), geht also offensichtlich auf die ehemalige Flurbezeichnung für dieses Gelände zurück, zumal es bei Eschau auch noch einen "Sommerberg" gibt (auf seinem Rücken thront die Veste Wildenstein).

Parallele Erlenbach - Wörth Eine mit Sommerau gut vergleichbare Situation war bei Erlenbach gegeben, wo der auf der anderen Mainseite gelegene Ort im Koppelfutterverzeichnis ebenfalls als Erlenbach ausgewiesen ist 31 . Warum er wenig später in Wörth umbenannt wurde, ist nachvollziehbar. Man verlegte das einst bei der alten Martinskirche (ihr erhaltener Chor dient heute als Friedhofskapelle) befindliche alte Erlenbach näher an den Main, wo auf einer Insel, einem "Wörth" (hier noch als Flurname erhalten!), der Mainzer Erzbischof eine Burg hatte errichten lassen. Die im Schutz der Burg Wörth entstandene neue Siedlung erhielt deren Namen 32 .

Die Burg Wörth wird erstmals 1299 urkundlich erwähnt. Da bereits 1268 ein Ritter (Marquard Pavey) mit der Zubenennung de insula (=Insel/Wörth) begegnet, sich also höchstwahrscheinlich nach der Burg Wörth benannte 33 , dürfte diese noch in der Zeit der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Mainz und Rieneck entstanden sein. Schräg gegenüber der Burg erhebt sich jenseits des Maines auf einem Hügel die Pfarrkirche von Erlenbach. Da nicht nur deren Patronatsrechte den Grafen von Rieneck bzw. (ab 1236) dem von ihnen gegründeten und bevogteten Kloster Himmelthal zustanden, sondern es im mittelalterlichen Erlenbach auch ein Wildensteiner Lehen gab 34 , dürfte Mainz - neben weiteren Beweggründen - auch hier die Rienecker und ihre Vasallen im Visier gehabt haben, zumal die Grafen auch im südlich von Wörth gelegenen Laudenbach konzentrierten Besitz hatten. Letzteren veräußerten sie im Jahr 1315 an Götz von Fechenbach 35 , dessen Nachkommen bis zu ihrem Aussterben im 20. Jahrhundert dort - neben dem lange bevorzugten Sommerau und jüngeren Besitzorten - einen Wohnsitz hatten.

Kottwitz und Fechenbach Eine eigene Frage ist die, warum es zur - 1365 schon bestehenden 36 - Teilung der Sommerauer Burg zwischen den Kottwitz und Fechenbach gekommen ist. Da beide Familien das gleiche Wappen - ein schwarzes Steinbockshorn im silbernen Schild - führten, darf eine nahe Verwandtschaft als sicher gelten. Zu beachten ist jedoch, dass noch weitere Niederadelsgeschlechter dasselbe Wappen hatten und dass es keinen eindeutigen Beleg für eine schon vermutete Stammesgleichheit der Fechenbacher und Kottwitz gibt 37 . Da auch schwer vorstellbar ist, dass eine Familie der anderen ohne zwingenden Grund bzw. so lange männliche Erben vorhanden waren, eine Burghälfte überlassen hat, bleibt zu fragen, wie es zu der Teilung gekommen ist.

Vermutlich ist des Rätsels Lösung mit dem Sachverhalt verknüpft, dass der Amtsvorgänger des ab 1272 als Mainzer Vizedom fungierenden, 1277 nach Sommerau benannten Gernod ein (für 1271 belegter) Gozo war 38 . Dieser Vorname ist - wie Götz - eine Kurzform von Gottfried. Urkunden von 1300 und 1320 nennen einen (wohl mit dem bereits erwähnten Götz von Fechenbach identischen) Gozzo/Gocz von Fechenbach 39 . Dieselbe Namensform war aber auch bei den Kottwitz gebräuchlich: 1308, 1311 und 1313 erscheint ein Gozzo dictus Kottebus bzw. Gotze Cotbuzen 40 . Da schon 1261 ein Gotfridus Scultetus in Wildensteyn mit seinen Brüdern Walther und Friedrich als Spitzenzeuge für Gernodus Cotdebus auftritt 41 , dürfte der Vizedom Gozo ebenso wie sein Amtsnachfolger Gernod, der bekanntlich einen Bruder Walther hatte, ein Kottwitz gewesen sein 42 , zumal die beiden letztgenannten Vornamen bei den Fechenbach nicht belegt sind. Eine Identität mit dem 1261 als Wildensteiner Schultheiß, somit damals (noch) als Dienstmann der Rienecker fungierenden Gottfried ist keineswegs unwahrscheinlich, wie oben schon begründet wurde 43 . Gozo erscheint genau in jenem Jahr 1271 als Vizedom, in dem die Grafen von Rieneck sich endgültig der Übermacht des Mainzer Erzbischofs beugen mussten. Schon 1266 hatten sie ihm ihre Burg Wildenstein verpfänden müssen. Auch der Umstand, warum Gottfried 1261 als Scultetus in Wildensteyn (= Hof, heute Weiler Wildenstein) und (als Schultheiß oder dessen Stellvertreter) nicht mit einem auf die Burg bezogenen Amtstitel auftritt, ist gut erklärbar, war doch die Veste (und wahrscheinlich auch die zu dieser Zeit den Rieneck/Kottwitz zuzurechnende Burg Waldenberg) 1259/1260 von Mainz erobert und in erheblichem Umfang zerstört worden, wie deutliche Spuren erkennen lassen. Spätestens 1282 war sie nachweislich wieder bewohnt. In diesem Jahr erscheint Walther Kottwitz als miles de Wildenstein , während für den gleichen Zeitraum (1281) ein offensichtlich nichtadeliger Wortwin als Schultheiß in Wil-denstein belegt ist 44 .

Hat Vizedom Gottfried/Gozo den Burgbau in Sommerau begonnen und Gernod ihn (nach Gozos mutmaßlichem Tod, zusammen mit dessen Erben) vollendet, wie es auch aus zeitlichen Gründen nahe liegt, dann kann dies die ganerbschaftliche Teilung der Burg begründen, vor allem, wenn die beiden Brüder waren. Trifft unsere Vermutung zu, dann ist es am wahrscheinlichsten, dass eine Erbtochter Gozos einen Fechenbacher geheiratet hat. Zum einen waren die Kottwitz allen Anzeichen zufolge schon früher als die Fechenbacher im Elsavatal präsent 45 , zum anderen wurde bei Letzteren der Vorname Gottfried/Götz gebräuchlich und es entstanden engere Beziehungen zu Mainz, die den Fechenbachern schon bald namhafte Positionen, darunter auch das Aschaffenburger Vizedomamt, zubrachten. Vor allem aber vermag eine Einheirat der Fechenbach am verständlichsten zu erklären, warum sie - zusammen mit den Kottwitz - im Schloss Sommerau residierten, sich aber nach einem offensichtlich früheren Wohnsitz zu Fechenbach am Main nannten.

Unabhängig davon, wieweit unser genealogisch begründeter Rekonstruktionsversuch zutrifft, dürfen wir mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass es sich bei der Wasserburg Sommerau nicht um einen bereits 1143 entstandenen Wohnsitz der Ritter von Fechenbach handelt, wie man bisher glaubte, sondern um eine ab 1271 von den Kottwitz in ihrer Eigenschaft als Vizedome des Mainzer Erzbischofs Werner von Eppstein errichtete Gegenposition zum rieneckischen Besitzkomplex Wildenstein-Eschau-Himmelthal. Der für die neue Burg gewählte, die Flurlage des Bauplatzes wiedergebende Name "Sommeraue" verdrängte den zuvor beide Siedlungsteile umfassenden Ortsnamen Eschau und beschränkte ihn auf die links der Elsava gelegene Muttersiedlung. Begünstigt wurde dieser Vorgang durch die klar geschiedenen Besitzverhältnisse: Der Bach bildete die natürliche Grenze zwischen dem Rienecker Altort Eschau und den Mainzer Forsthuben mit der daneben entstandenen Burg.

Begehrte Burgsitze - komplizierte Besitzverhältnisse Ist für 1365 noch eine Halbierung der Sommerauer Wasserburg zwischen den Kottwitz und den wahrscheinlich in ihre Familie eingeheirateten Fechenbach erkennbar, so verkomplizierten sich die Besitzverhältnisse in der Folgezeit durch weitere Erbteilungen, teilweise auch durch Verkauf einzelner Besitzanteile 46 . 1421 erhielten folgende Angehörige der beiden Familien vom Mainzer Erzbischof Anteile am Schloss zu Lehen 47 :

- Cuntz Codebis ein Drittel von einem Viertel,

- Fritze Codebyss ein Drittel von einem Viertel,

- Hans Kodebiss ein Viertel,

- Friedrich von Vechenbach eine Hälfte von einem Viertel,

- Wolf von Fechenbach ein Drittel von einem Viertel,

- Eberhard von Fechenbach eine Hälfte von einem Viertel,

- Hans von Fechenbach ein Viertel .

Somit besaßen im Jahr 1421 die Kottwitz ein Viertel und zwei Drittel von einem Viertel, die Fechenbach eine Hälfte und ein Drittel von einem Viertel am Schloss Sommerau.

1446 wurde der Burgfrieden in Sommerau unter folgenden Beteiligten erneuert: Wolf und Nikolaus von Fechenbach, Philipp von Fechenbach, Hans und Eberhard Schelm von Bergen, Hamann und Cuntz Echter von Mespelbrunn, Hans von Gonsrod, Gerold von Fechenbach und Hans Kottwitz 48 . Die Kottwitz hatten sich also schon weitgehend zurückgezogen, die Schelm, Gonsrod und Echter dürften ihre Mitspracherechte höchstwahrscheinlich durch Einheirat erworben haben 49 .

Fechenbach und Mairhofen Mitte des 16. Jahrhunderts gelang es den Herren von Fechenbach, alle Anteile am Sommerauer Schloss in ihrer Hand zu vereinen, somit auch die den Kottwitz verbliebenen Ansprüche 50 . Schon zuvor hatten die Kottwitz ihrerseits Besitz der Fechenbacher und weiterer Niederadeliger in der Umgebung an sich gebracht und im Aulenbachtal zwischen Eschau und Hobbach eine kleine Wasserburg errichtet, nach der sie sich nunmehr "Kottwitz von Aulenbach" nannten 51 . Aus Sommerau zogen sie sich jedoch nicht ganz zurück. Während am und im dortigen Schloss nur noch Wappen der Freiherren von Fechenbach (und ihrer Ehefrauen) zu finden sind, stammen bei den im Bereich der ehemaligen Forsthuben erhaltenen Steinbockwappen nicht alle von derselben Familie. Wie ein von der Geschichtsschreibung bisher unbeachteter Wappenstein von 1575 über dem Wohnhaus-Eingang des dem Schloss einst unmittelbar benachbarten Hofgutes verrät, waren hier Hans Leonhard Kottwitz von Aulenbach und seine Gattin Brigitta, geborene von Ehrenberg, als Bauherren tätig. Dieselben hatten zuvor (ab 1560) das imposante Stadtschloss in Klingenberg errichtet. Unter ihrem Sohn Georg Ludwig wurde die kleine Wasserburg in Oberaulenbach ebenfalls im Renaissancestil zu einem schmucken Schlösschen ausgebaut. Alle drei genannten Gebäudekomplexe kamen im Jahr 1693 samt umfangreichen Zugehörungen durch Kauf von den Kottwitz an den kurmainzischen Oberamtmann August Maximilian Freiherr von Mairhofen, dessen Nachkommen sich die Besitzungen bis heute weitgehend erhalten konnten. Der Umstand, dass in Sommerau gerade jenes Hofgut den Kottwitz gehörte, das dem Schloss am nächsten liegt und aufgrund seiner Lage am Schnittpunkt sich hier treffender Altwege wohl als die älteste der drei mainzischen Forsthuben anzusprechen ist 52 , unterstreicht die erkennbar gewordene Bedeutung der Kottwitz für die Frühgeschichte von Sommerau.
Wolfgang Hartmann Zur frühen Geschichte von Sommerau und seiner Wasserburg
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