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27.10.2009 00:00 Uhr 0 Kommentare

Schlamperei und Geheimniskrämerei

Zeitgeschichte: Michael Buback liest in der Rentmeisterei Bad König aus seinem Buch »Der zweite Tod meines Vaters«

Bad König  Nein, ein zweiter Michael Kohlhaas ist er nicht: Michael Buback, Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, ist kein eifernder Gerechtigkeitsfanatiker, der vor - verständlicher - Empörung seine Wertvorstellungen über Bord geworfen und sich auf einen Rachefeldzug gegen Alle und Jedes gemacht hat. Im Gegenteil.

Michael Buback las in der Bad Königer Rentmeisterei aus der erweiterten Zweitauflage seines Buchs »Der zweite Tod meines Vaters«. Foto: Heinz Linduschka
Der Mann, der am Samstagabend in der Alten Rentmeisterei in Bad König die erweiterte Zweitauflage seines Buchs »Der zweite Tod meines Vaters« vorstellte, ist ein rationaler, wertkonservativer Mittsechziger, der mit seiner Familie bis vor drei Jahren fest an den Rechtsstaat in der Bundesrepublik geglaubt hat und als Professor für Technische und Molekulare Chemie an der Universität Göttingen arbeitete.
Als am 7. April 1977 sein Vater von einem RAF-Kommando in Karlsruhe ermordet wurde, war das natürlich ein schwerer Schock. In seinem Buch steht: »Meine Frau erinnert sich, dass ich zunächst ungläubig ›Was?‹ rief und dann leiser ›Diese Schweine!‹«. Dann aber setzte das ein, was er heute als »Naivität« und grenzenloses Vertrauen bezeichnet: »30 Jahre lang haben wir uns nie große Gedanken gemacht. Der Staat sollte sich darum kümmern.« Und: »Für uns war undenkbar, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.« Auch für ihn gab es keinen Zweifel, dass Folkerts, Klar und Sonnenberg, wie von den Ermittlungsbehörden verkündet, die drei Täter waren, zwei auf dem Motorrad, einer im Fluchtauto.
Suche nach der Wahrheit
Die Wende und die Ernüchterung sind genau zu datieren: Am 30. März 2007 rief ihn Peter Jürgen Boock an, der wegen Beteiligung an der Ponto- und Schleyer-Ermordung 18 Jahre im Gefängnis gesessen hatte und 1998 entlassen worden war. Boock versicherte, weder Christian Klar noch Knut Folkerts seien am Mord an Siegfried Buback beteiligt gewesen.
Nun begann eine monatelange Suche nach der Wahrheit, die das Leben von Michael Buback und seiner Frau Elisabeth völlig veränderte, eine Suche, die jede freie Minute kostete und täglich neue unglaubliche Details zutage brachte. Noch heute merkt man Michael Buback an, dass er Vieles nicht glauben wollte, nicht glauben konnte, bis ihm dann schließlich nichts anderes mehr übrig blieb.
Unglaubliche Vorgänge
Die Liste dieser »unglaublichen Vorgänge« ist endlos: Von Anfang an bestand der Verdacht, eine Frau könnte auf dem Sozius des Motorrads gesessen und geschossen haben, dann verschwand dieser Verdacht aber plötzlich - und offensichtlich auf Weisung »von oben« - plötzlich in der Versenkung. Die Ermittlungen wurden mit einer unglaublichen Schlampigkeit geführt, Augenzeugen nicht sorgfältig vernommen und nicht vor Gericht als Zeugen aufgeboten. Spuren, wie Haare und DNA-Proben einer RAF-Terroristin, Verena Becker, die schon zum Zeitpunkt des Anschlags als Verdächtige im Gespräch war, wurden ausgewertet. Die Tatsache, dass die Tatwaffe im Besitz von Verena Becker war, als sie einige Wochen später wegen eines anderen Verbrechens verhaftet und schließlich deshalb auch verurteilt worden war, spielt keine Rolle. Aussagen von Zeugen tauchen in der Spurenakte nicht oder nur verstümmelt auf - all das wurde Michael Buback und seiner Frau in den Monaten nach Boocks Aussage immer mehr klar.
»Mein Vertrauen in die Spurenakte war schwer erschüttert«, sagte Buback in Bad König und wies darauf hin, dass ihn ein Treffen mit Horst Herold, dem ehemaligen Präsidenten des Bundeskriminalamts, im Januar 2008 in seiner sich festigenden Überzeugung bestätigte: Verena Becker war am Mord an seinem Vater beteiligt und vermutlich sogar die Schützin. Mit Blick auf das Vorgehen von Kurt Rebmann, auf dem Posten des Generalbundesanwalts Nachfolger von Siegfried Buback, sagt der Sohn des Ermordeten - noch immer fassungslos: »Ein Generalbundesanwalt kann doch nicht Mörder vor Strafverfolgung bewahren!«
Nach neun Jahren frei und reich
Und genau da liegt das zentrale Problem und auch der Skandal des ganzen Vorgangs: Wenn die detaillierten Nachforschungen von Michael Buback und seiner Frau Elisabeth nicht allesamt täuschen, dann hatten entscheidende Personen bei Ermittlungsbehörden und beim Verfassungsschutz größtes Interesse daran, Verena Becker zu decken. Der Grund: Sie war, das weiß man heute sicher, eine Informantin des Verfassungsschutzes und musste von ihrer Strafe - zweimal lebenslänglich plus 13 Jahre - wie Buback verriet nur neun Jahre und 53 Tage absitzen bevor sie dann - mit einer erheblichen Geldsumme - in die Freiheit entlassen wurde.
»Schweigekartelle«
Michael Buback ist kein Michael Kohlhaas, deshalb schwelgt er nicht in Verschwörungstheorien, sondern formuliert in seinem Buch vorsichtig und stellt Fragen: »Der Gedanke tut weh, dass mein Vater nicht nur im Lager der RAF Feinde hatte. Wem er sonst noch im Wege stand, ist schwierig aufzudecken, denn es gibt auch außerhalb der RAF Schweigekartelle.« Und genau das gab dem Buch den Titel: »Der zweite Tod meines Vaters«. Immerhin ermittelt seit anderthalb Jahren die Bundesanwaltschaft erneut gegen Verena Becker, die vor acht Wochen schließlich auch verhaftet wurde - ein später Erfolg von Michael Buback und seiner Frau Elisabeth?
Heinz Linduschka
Das Buch: Michael Buback, Der zweite Tod meines Vaters. 464 Seiten, Droemer Knaur-Taschenbuch, Oktober 2009, 12,95 Euro. ISBN: 978-3426782347.
25-Minuten-Interview mit Michael Buback auf der Frankfurter Buchmesse als Vodcast: www.hr-online.de/website/specials/buchmesse2009/index.jsp?rubrik=50772

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