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28.01.2012 00:00 Uhr 0 Kommentare

Der Altort als Identifikationsraum

Stadtteile: Auftakt zur Erneuerung der Kerne in den sechs Ortschaften - Zukunftswerkstätten sind geplant

Marktheidenfeld Leerstehende Häuser, verfallene Scheunen, eine überalterte Bevölkerung - solche dunklen Visionen über die Zukunft der Marktheidenfelder Stadtteile hat Bernd Müller am Donnerstagabend im Stadtrat nicht gezeichnet.

Ehemalige landwirtschaftlich genutzte Gebäude, wie hier in Michelrieth, dienen den Eigentümern allenfalls noch als Lagerplatz.
Der Marktheidenfelder Architekt blickte stattdessen nüchtern-sachlich auf die Chancen und Risiken der Stadtteilentwicklung in den kommenden Jahren. Müller, der über jahrzehntelange Erfahrung in der Dorferneuerung verfügt - sein Büro begleitet seit 1985 den Umbau der Marktgemeinde Karbach -, warnte vor den Auswirkungen einer sich wandelnden Gesellschaft auf die sechs Marktheidenfelder Stadtteile.
Rückgang der Bevölkerung
Die Konzentrationsprozesse in der Landwirtschaft, der Rückgang der Bevölkerung und die Abwanderung von jungen Menschen aus den Altorten nannte er als drei wichtige Gründe für den Wandel in den sechs Stadtteilen.
Deren Auswirkungen seien auch in der Region Marktheidenfeld zu beobachten: Mit dem Rückgang der Landwirtschaft gebe es in den Stadtteilen bereits zahlreiche ungenutzte landwirtschaftliche Nebengebäude. Beispiele hierfür finden sich etwa in Michelrieth oder in Glasofen.
Mit dem Wegzug der jungen Menschen aus dem Altort finden sich für die Häuser und Gebäude der Eltern keine Bewohner mehr. Auch in den Stadtteilen stehen schon heute Wohnhäuser leer. Architekt Bernd Müller geht davon aus, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird.
Zugleich habe der Wunsch der Menschen nach immer mehr Wohnfläche massive Auswirkungen auf die Entwicklung in den Altorten. Die jungen Menschen ziehen in die Neubaugebiete, der Altort entvölkert sich. Eine Entwicklung, die für alle Beteiligten teuer wird.
Kosten für Neuerschließung sparen
Der Architekt erinnerte daran, dass die Erschließung von Neubaugebieten zwar zu einem erheblichen Teil über die Grundstücksbesitzer finanziert werde, allerdings trage auch die Gemeinde einen nicht unerheblichen Anteil. Für Müller ist deshalb klar: In den Altorten liegen die Versorgungsleitungen bereits, deshalb könne eine Kommune mit der Dorferneuerung die Kosten für die Erschließung von Neubaugebieten sparen.
Die Stadtteilerneuerung muss für den Marktheidenfelder Architekten in drei Schritten erfolgen: Schritt eins umfasst die »visuelle Dorferneuerung«. Der Altort müsse wieder zum Identifikationsraum für seine Bewohner werden. Dazu forderte Müller eine angemessene und moderne Gestaltung von Gebäuden. Moderne Gestaltungsformen müssten nicht immer hässlich sein, zeigte er Beispiele aus der Marktgemeinde Karbach.
Dazu müsse eine Kommune eine Gestaltungsfibel herausgeben, Vorträge und kostenlose Beratungen durch Architekten können Bauherren die Vorgaben erläutern, nannte Müller wichtige Schritte, die Gestaltung zu steuern. Schließlich müsse es auch in den Marktheidenfelder Stadtteilen ein kommunales Förderprogramm geben für diejenigen, die im Altort alte Bausubstanz sanieren oder neu bauen wollen.
Bernd Müller erinnerte daran, dass ein solches kommunales Förderprogramm private Investitionen häufig erst ermögliche. Die Investition von einem Euro aus Steuergeldern ziehe private Investitionen in Höhe von sieben Euro nach sich, rechnete er vor.
Ausgelobt werden könnten zudem Gestaltungswettbewerbe für die Stadtteile, eine Gestaltungssatzung könne schließlich klare Vorgaben für Sanierungen und Neubauten geben.
Die Stadt als Immobilienhändler
Die »strukturelle Stadtteilerneuerung« sieht vor, dass die Stadt aktiv in den Immobilienmarkt einsteigt. Mit Hilfe eines Flächenmanagements können so gezielt der Abbruch und die Neubebauung, die Renaturierung und die Neugestaltung von Flächen im Altort gesteuert werden. Durch Entkernen lasse sich auch das Wohnumfeld verbessern, sagte Bernd Müller.
Diesen beiden Schritten vorgeschaltet ist die »ideelle Dorferneuerung«: Architekt Bernd Müller machte klar, dass es keinerlei Veränderungen in den Stadtteilen gebe, wenn die Bürger nicht mitmachten. Gerade in den kleinen Ortschaften sei das Engagement der Menschen für ihr Wohnumfeld häufig sehr hoch, berichtete Müller von seinen Erfahrungen, die er in den Orten Karbach oder Urspringen bei der Dorferneuerung gemacht hat.
Dieses bürgerschaftliche Engagement koste »nicht immer viel Geld« und sorge für die Identifikation der Menschen mit ihrem Stadtteil, schilderte Bernd Müller die Vorteile.
Gunter Fritsch

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