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29.07.2010 00:00 Uhr 0 Kommentare

Ruinen und Gemüsegarten weichen Neubau

Klostergeschichte: Vor 50 Jahren Reste der ehemaligen Benediktinerabtei abgetragen - Lohrer Geschichtsfreunde wittern Schlamperei

Neustadt  Vor 50 Jahren, im Juli 1960, musste die Ruine der ehemaligen Benediktinerabtei und der darin befindliche Gemüsegarten der Missionsdominikanerinnen dem Bau des neuen Klosters weichen. Über 100 Jahre lang hatte die Ruine nach dem großen Brand von Kloster und Kirche im Jahr 1857 gestanden. In ihr waren einige kunstgeschichtlich bedeutsame Reste des ehemaligen gotischen Kreuzgangs erhalten geblieben.

Über 100 Jahre lang standen die Ruinen der Neustadter Benediktinerabtei nach dem großen Brand von 1857, bevor sie im Juli 1960 dem Neubau des Klosters der Missionsdominikanerinnen weichen mussten. Foto: Archiv Lohrer Echo
Die Gründung des Kloster lässt sich zeitlich einigermaßen eingrenzen. Würzburgs zweiter Bischof Megingoz verzichtete vermutlich im Jahr 768 auf sein Amt und zog mit einigen Getreuen in den bis heute nicht exakt lokalisierten Ort »Rorinlacha« westlich von Karlstadt. Von dort aus gründete er wahrscheinlich um das Jahr 770 das Benediktinerkloster Neustadt.
Spätestens 794 war Neustadt eine königliche Abtei. Karl der Große förderte das Kloster und stattete es mit großen Gebieten im Spessart aus. Im Jahr 993 gelang es dem Würzburger Bischof Bernward von Rotenburg, die Abtei mit Hilfe von gefälschten Urkunden zu einem bischöflichen Eigenkloster zu machen, was sie bis 1803 blieb - trotz vieler Neustädter Versuche, die reichsunmittelbare Stellung wiederzuerlangen.
Zweimal stark verändert
Um 1100 entstand unter Abt Adelgarus die romanische Abteikirche und das alte Kloster wurde stark umgebaut. Von 1615 bis 1623 wurde es auf Veranlassung des Würzburger Bischofs Julius Echter abgerissen und neu erbaut. Die Kirche erfuhr eine umfangreiche äußere Umgestaltung. Schiff und Türme wurden erhöht und der Chor neu errichtet.
Am 22. Januar 1803 wurde die Abtei säkularisiert (ging in weltlichen Besitz über). 19 Patres und zwei Novizen wurden des Ortes verwiesen. Kloster und Kirche bekam Fürst Konstantin von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg als Entschädigung für linksrheinische Landverluste übertragen. Seit 1837 wurde die Kirche als Pfarrkirche genutzt. In den ehemaligen Klostergebäuden wohnten Beamte Löwensteins.
Trotz des Wohlwollens des Fürstenhauses gelang es nicht, eine neue klösterliche Gemeinschaft anzusiedeln. Am 26. Mai 1857 gab es gegen 17 Uhr ein laut Augenzeugen »nicht sehr heftiges« Gewitter. Ein Blitzstrahl teilte sich oberhalb der beiden Kirchtürme und schlug in beide ein.
Der Wind wälzte die Flammen in den Türmen über den Chor sowie das Kreuz- und Hauptschiff. Um 23 Uhr war der mit der Kirche ein Viereck bildende Klosterbau noch unversehrt. Obwohl sieben Spritzen mit zahlreichen Mannschaften dagegen ankämpften, loderte eine halbe Stunde darauf der ganze Bau im heftigen Wind in hellen Flammen auf.
Nach dem großen Brand schwand die Hoffnung auf eine Erneuerung des Klosters vollends. Am 8. Dezember 1879 erfolgte die Weihe der im Geist der Neoromanik wieder aufgebauten Kirche. 1909 gründeten die Missionsdominikanerinnen in der früheren Sommerresidenz des Benediktinerabtes (»Abtsvilla«) ihre erste Niederlassung in Deutschland, 1913 eröffneten sie im ehemaligen Löwenstein'schen Rentamt ein Postulat/Noviziat.
Bis zum Bau eines neuen Klosters verging noch fast ein halbes Jahrhundert. Erst 1960 wurde die Ruine gesprengt und abgebrochen. Bei Lohrer Geschichtsfreunden führte das zu einiger Aufregung. Sie behaupteten, bei der Niederlegung der Ruinen und ihrem Abtransport habe man es an Sorgfalt fehlen lassen. Wertvolle Stücke seien im Schutt gelandet.
Landratsamt dementiert
Das damals noch bestehende Landratsamt Lohr sah sich am 27. Juli 1960 veranlasst, zu den Vorwürfen in einer Pressekonferenz Stellung zu nehmen. Landrat Rudolf Balles versicherte, was an Werten in den Ruinen gesteckt habe, sei gerettet worden. 1962 weihte der Würzburger Bischof Dr. Josef Stangl das neue Kloster ein.
tjm

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