Karpf: ...aber das ist doch klar. Ich komme aus einer rabenschwarzen Familie. In der Nazi-Zeit war mein Vater Hugo Karpf christlicher Gewerkschafter. Ich kann mich erinnern, wie die Gestapo unser Haus durchsucht hat. Da war ich sechs. Mein Vater, CSU-Mitbegründer in Aschaffenburg, war später Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung Bayerns und durch die Wahl 1949 erster Aschaffenburger Direktabgeordneter im Bundestag. Ein Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft. Ich habe ihn als 21-Jähriger mit meinem Bruder bei seinem Wahlkampf für die CSU unterstützt.
"Wählen gehen gehört zum Erwachsenwerden."
Nino Michniok
An welchem Ort haben Sie Ihr erstes Kreuz gemacht?
Karpf: Im Café Sonnenland in der Obernauer Kolonie. Das Café gibt's nicht mehr. Da wurden Tische zusammengeschoben und die Wahlkabinen draufgestellt. Die Wahlbeteiligung lag bundesweit bei sage und schreibe 95 Prozent!
Michniok: Das ist ja enorm!
Wie war die Stimmung vor den ersten Wahlen in der jungen Demokratie?
Karpf: Bei all den Problemen in der Nachkriegszeit: Die Leute waren sehr froh, dass sie frei wählen konnten. Ich will den früheren Aschaffenburger CSU-Stadtrat Dr. Josef Dessauer aus dieser Zeit zitieren: "Mit echter innerer Bereitschaft habe ich die neuen demokratischen Freiheiten wahrgenommen und Verantwortung für das Gemeinwohl übernommen. Wir waren damals Idealisten."
Was hat es für Sie bedeutet, an einer freien Wahl teilnehmen zu können?
Karpf: Das war mir gar nicht so bewusst. Bestimmt, weil ich so in den Wahlkampf eingebunden war. Das war nicht irgendwie feierlich - sondern hart. Die Plakatkleber der einen Partei sind immer mal wieder von denen der anderen verprügelt worden. Man hat sich die Plakate abgerissen. Das ging hin und her.
Herr Michniok, Sie sind in einem demokratischen Land aufgewachsen. Welchen Stellenwert hat Ihre erste Wahl für Sie? Michniok: Es gehört zum Erwachsenwerden, zur Wahl zu gehen. Eltern und Verwandte sprechen mich darauf an.
Und wie ist es im Freundeskreis?
Michniok: Da gibt es zwei Gruppen. Die eine ist politisch engagiert, die andere gar nicht interessiert. Mit den einen spreche ich am Mittag, mit den anderen gehe ich abends feiern.
Was ist das politische Hauptthema?
Michniok: Ganz klar die Finanz- und Wirtschaftskrise und der Abbau von Arbeitsplätzen. Mein Vater und mein Bruder arbeiten in Aschaffenburg bei Takata-Petri. Da werden jetzt ja viele Jobs verschwinden. Gottseidank ist meine Familie nicht betroffen. Ich war neulich bei der Demo gegen den Jobverlust dabei.
Seit wann interessieren Sie sich für Politik?
Michniok: Mein Bruder ist 24, er ist bei der SPD und in der Gewerkschaft. Der spricht öfter über Politik. Bei mir ging es vor zwei Jahren im Sozialkunde-Unterricht los.
Wie informieren Sie sich über die Bundestagswahl und die Ziele der Parteien?
Michniok: Das ist heute ja kein Problem: Fernsehen, Zeitung. Mittags sitze ich immer vor dem Computer und schaue im Internet regelmäßig die Nachrichten durch.
Herr Karpf, wie war das 1949?
Karpf: Was hatten wir damals? Wahlveranstaltungen, das Elternhaus natürlich, die Zeitung. Fernsehen und Computer gab's noch nicht.
Der aktuelle Wahlkampf wird oft als inhaltsarm und fade beschrieben. Teilen Sie diese Einschätzung?
Karpf: Manche Politiker gehen immer weniger auf Themen ein. Bei Wahlveranstaltungen, in der Fußgängerzone etwa, kann man schon mehr erfahren. 1949 war das noch konkreter. Der Wahlkreis meines Vaters umfasste Stadt und Kreis Aschaffenburg, Obernburg, Miltenberg und Alzenau. Anfangs war er mit dem Fahrrad unterwegs. Ganz andere Zeiten.
Der Mensch im Mittelpunkt?
Karpf: Es war keine Seltenheit, dass Wahlversammlungen viele Stunden dauerten. Ich habe meinen Vater oft gefahren. In Laufach habe ich einmal erlebt, dass bis sechs Uhr am Morgen diskutiert wurde und Frauen schimpfend ihre Männer abholten, weil zu Hause die Stallarbeit auf sie wartete.
Wie hat sich die demokratische Kultur in Deutschland seit der ersten Wahl 1949 verändert?
Karpf: Heute wissen die Leute gar nicht mehr, was das Wahlrecht bedeutet. Es ist ihnen egal. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll. Ich muss noch einmal auf meinen Vater zu sprechen kommen, um zu zeigen, was sich alles verändert hat. In der Nachkriegszeit kehrte er einmal von einer Gewerkschaftstagung aus den USA zurück und sagte: Es kommt so weit, dass man nicht mehr bis zur Rente in seinem erlernten Beruf arbeiten kann, sondern sich anders orientieren muss.
"In Laufach habe ich einmal erlebt, dass bis sechs Uhr am Morgen diskutiert wurde."
Hermann Karpf
Herr Michniok, was würden Sie machen, wenn Sie in der großen Politik das Sagen hätten?
Michniok: Gehaltsgrenze für Manager...
Karpf: ...was die kriegen, ist hanebüchen. Da gehören die Fußballer dann aber auch dazu...
Michniok: ...genau.
Wie geht die Wahl aus?
Karpf: Es kommt Schwarz-Gelb. Ich wünsche mir, dass die soziale Gerechtigkeit wieder mehr in den Mittelpunkt rückt. Ich war lange Jahre Betriebsrat und wurde oft als "roter Schwarzer" bezeichnet: Ich weiß, wie wichtig das Soziale für ein Land ist.
Michniok: Ich bin für Rot-Grün. Aber ich glaube nicht, dass es klappt.
Bundestagswahl am 14. August 1949 am Untermain




































