Zurück in Richtung Schloss traf das Paar auf »Leidensgenossen«, ein junges Pärchen, das schon an allen anderen Ausgängen des Parks gescheitert war. Eine Möglichkeit gäbe es noch, so das Pärchen: der Ausgang Richtung Kapuzinerplatz. Doch auch hier: Endstation vor den Gitterstäben. Ein Schild verriet: in den Wintermonaten wird bereits um 18 Uhr geschlossen. In den Sommermonaten um 21 Uhr.
Der Zaun neben dem Tor weckte Kirchners Hoffnung: brusthoch nur und ohne spitze Zinnen. »Die beiden jungen Leute sind drüber geklettert, wenngleich das Mädchen mit sehr viel Mühe«, sagt Kirchner. Seine Frau hatte indessen ein vermeintliches Schlupfloch erspäht: den steilen Hang in Richtung Gaststätte Roter Kopf, wo es lediglich eine Hecke zu geben schien. Fehlalarm: Dichter Maschendrahtzaun wartet hinterm Gebüsch. Heinz Kirchner reichte seiner Frau den Schirm und zog sie den Hang wieder hoch.
In diesem Moment kam das junge Pärchen zurück und bot Hilfe an. Zuerst kletterte Heinz Kirchner über den Zaun und nahm seiner Frau die 25 Kilo schwere ungarische Hündin ab. Der junge Mann stützte den Hundebesitzer, obwohl er laut Kirchner »offensichtlich panische Angst vor Hunden hatte«. Zum Schluss hievte sich Ulrike Kirchner über den Zaun.
»Aschaffenburg ist die erste und einzige Stadt, die einen Schlosspark hat, der am Abend seine Pforten schließt«, soll schon Sprachakrobat Max Goldt vor einigen Jahren gesagt haben, nachdem er vor seinem Auftritt im Hofgarten-Kabarett noch einen Spaziergang gemacht hatte. An diesen Satz fühlen sich Ulrike und Heinz Kirchner erinnert.
Doch die Aussage stimmt nicht ganz. Auch der Park um das Münchner Schloss Nymphenburg und die barocke Anlage in Schleißheim werden am Abend verriegelt. Kathrin Jung von der Presseabteilung der bayerischen Schlösserverwaltung betont, dass diese Maßnahme in erster Linie Unfälle vermeiden soll.
Der Zeitpunkt der Schließung orientiere sich am Sonnenuntergang. »Bevor die Tore verriegelt werden, geht noch ein Wachdienst durch den Park«, versichert Jung. Diesen jedoch haben die Kirchners nicht getroffen. Die Gartenanlage zwischen Schloss und Pompejanum ist auch zu groß und verzweigt, um sich auf jeden Fall zu begegnen.
Warum gibt's keine Drehtür?
Auf die Frage, warum es nicht wenigstens an einem der Ausgänge eine Drehtüre gebe, sagt Kathrin Jung: »Wir müssen uns an die historischen Vorgaben halten. Die Substanz darf nicht einfach so verändert werden. Das ist das Problem.« Erhalt des kulturellen Erbes um jeden Preis? »Bei Veränderungen müssen wir mit den Fachleuten Rücksprache halten.«
Das Privileg eines Königs
Der Freistaat Bayern besitzt 25 weltbekannte historische Gärten. Sie spiegeln die gartenkulturelle Entwicklung vom ausgehenden 16. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert wider. Das Mainufer zwischen Schloss und Pompejanum bildet durch die aus Garten und Bauwerk bestehende Staffage eine »mediterrane Ideallandschaft«. König Ludwig I. sprach daher von seinem »Bayerischen Nizza«, wenn er auf die Tempel, den Weinberg und die südländischen Pflanzen- und Baumarten blickte. Er konnte jederzeit in seinem Schlossgarten lustwandeln - das Privileg eines Königs.
Heike Adelberger
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