Sieht sich Morddrohungen gegenüber: Glattbachs Bürgermeister Fridolin Fuchs. Foto: Gregor
Bis gestern Nachmittag erhielt Fuchs nach eigenen Angaben 14 Mails »mit übelsten Verleumdungen«, offenbar aus der rechtsextremen Szene als Reaktion auf die Absage des Vortrags. Darunter seien auch Morddrohungen. Die Kripo werte die Zuschriften derzeit aus, sagte gestern Abend ein Sprecher, bisher ohne »substanzielle Gefährdungserkenntnisse«. Man stehe gleich wohl »in engem Kontakt mit der Gemeinde und dem Bürgermeister«.
Holocaust »teilweise geleugnet«
Dieser betont: »Wir müssen Flagge zeigen - erst recht, wenn man solche Mails liest.« Er selbst sei am Mittwoch gar nicht im Rathaus gewesen, als die Hinweise zu Winkler eingingen. »Aber alle hier haben gut reagiert« und sofort die Verantwortlichen des FSV informiert. Diese sagten den Vortrag nach eigenen Angaben umgehend ab.
In dem anonymen Warnhinweis an das Rathaus, der auch dem Main-Echo vorliegt und offenbar aus informierten Kreisen stammt, heißt es unter anderem: »Michael Winkler betreibt im Internet eine Website, auf der er regelmäßig neonazistische, antisemitische, rassistische und ausländerfeindliche Pamphlete veröffentlicht.« Er unterhalte Kontakte zur NPD.
Mail von Rechtsaußen
Das Urteil des Würzburger Landgerichts von 2008, das den damals 51-jährigen arbeitslosen Physiker Winkler wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilte, bestätigt dieses Bild: Winkler habe 2005 den Holocaust zumindest »teilweise geleugnet« und »extrem verharmlost«. Auf Winklers Internetseite wurde gestern Vormittag behauptet: Ein »Dorfschulze« habe dem FSV mit Entzug von Zuschüssen gedroht, falls die Veranstaltung stattfinde. In einer für rechtsextreme Kreise typischen Sprache - von einem »Denunzianten« ist die Rede und von einem »Unterling« der CSU - wurde Bürgermeister Fuchs für die angebliche »Erpressung« verantwortlich gemacht.
All dies war verbunden mit Hinweisen zur Erreichbarkeit und zum Aussehen von Fuchs: »Jeder Bürger muss schließlich wissen, in welch guten und fürsorglichen Händen er sich befindet.« Fuchs dazu: »Mit diesen Parolen soll Stimmung gemacht werden.«
FSV distanziert sich klar
Prompt ging auch beim Main-Echo eine Mail von Rechtsaußen ein: Ein Anonymus spricht darin von »totalitären Umtrieben« in Glattbach, »Gestapo-Methoden« und von »beschnittener Meinungsfreiheit«. Bis zum Abend änderte Winkler den Text auf seiner Seite: Er wolle ja nicht, dass Unschuldige Drohungen erhielten...
Unterdessen hat sich die Führung des FSV klar von Winkler und dessen Ansichten distanziert. Vorsitzender Kurt Keller sagte gestern: »Ich bin sehr wütend, wie das gelaufen ist.« Einen »Wolf im Schafspelz« und dessen Anhänger habe man nicht ins Vereinsheim holen wollen. »Bei uns im Verein sind viele Ausländer«, betonte Keller. Irgendeine Nähe zu rechtsradikalem Gedankengut gebe es weder im Verein noch bei ihm persönlich. Laut FSV-Vize Thomas Wahner war der Verein über den Inhalt den Vortrags oder die Person Winklers nicht informiert worden. »Die Sache ist unglücklich gelaufen und glücklich ausgegangen.«
Aber wie konnte es so weit kommen? Manfred Breitenbach, Finanzvorstand des FSV Glattbach und parteiloser Gemeinderat, gibt die Antwort: Er habe den Referenten vor vier Wochen eingeladen - und am Mittwoch auch persönlich wieder ausgeladen.
»Oberflächlich informiert«
Der Betriebswirt und Unternehmensberater Breitenbach (Bürgermeister Fuchs: »Für den lege ich meine Hand ins Feuer«) erklärte gestern gegenüber der Redaktion: Er sei bei der Suche nach einem Referenten zur Finanzkrise auf den ihm unbekannten Winkler gekommen. »Ich dachte mir: Der ist ein bisschen flapsig, aber sonst? In diesem Bereich liest man oft deftige Sachen ohne politischen Hintergrund.« Nun wisse er: »Ich war oberflächlich informiert.«
Ursprünglich habe der Vortrag in der Glattbacher Mühle stattfinden sollen, so Breitenbach. Wegen eines Todesfalls dort habe er das FSV-Heim als Ausweichquartier nutzen wollen. Dort sagte man dem langjährigen Kassier sofort zu - ohne große Nachfragen. FSV-Chef Keller: »Ich wusste ja nur, da geht’s um die Wirtschaftskrise. Beim nächsten Mal frage ich genauer.«
Winklers Referat mit dem Titel »Die Weltlage« ist im Internet einsehbar. Er entwirft darin in pseudowissenschaftlicher Sprache ein krudes Krisenszenario, das in einen apokalyptischen Krieg mündet. Dazu reicht er einen abstrusen »Vorsorgeplan«. Das Referat ist angereichert mit Exkursen über »unsere israelische Freunde« und Einschüben wie: »Es ist unerwünscht zu verraten, dass von 1939 bis 1945 in Deutschland hin und wieder mal die Sonne geschienen hatte.«
Jens Raab