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09.05.2008 00:00 Uhr 0 Kommentare

"Die meisten wollen reden"

Vortrag über Amokläufer: Psychologin Karoline Roshdi referiert vor 100 Zuhörern im Spessart-Gymnasium

Alzenau "Ich hab' mir früher immer Monster vorgestellt", gestand Diplom-Psychologin Karoline Roshdi aus Darmstadt, die am Mittwochabend in der Mensa des Spessart-Gymnasiums (SGA) über jugendliche Amokläufer an Schulen referierte.
\"Die meisten wollen reden\"
Über das Thema "Zielgerichtete Gewalt an Schulen" sprach am Mittwochabend die Diplom-Psychologin Karoline Roshdi in der Mensa des Spessart-Gymnasiums. Doris Huhn
"Früher" war jene Zeit, bevor sich Roshdi schwerpunktmäßig am Darmstädter Institut für Psychologie und Sicherheit mit dem Thema "Zielgerichtete Gewalt an Schulen" beschäftigte und ein System zur Risikoeinschätzung mitentwickelte, das in den letzten eineinhalb Jahren zirka 20 mögliche Amokläufe verhinderte.

Auf Einladung des Zonta Clubs Alzenau (siehe Stichwort), in Zusammenarbeit mit dem SGA und mit Unterstützung der RV-Bank konnte Zonta-Präsidentin Barbara Hackenberg rund 100 Gäste begrüßen, die sich für Hintergründe und Präventionstipps zu dem brisanten Thema interessierten.

Das Wort Amok kommt aus dem malaiischen ("amuk") und bedeutet zornig, rasend. Ein Amoklauf wird wissenschaftlich definiert als "überraschende Tötung und/oder Verletzung ohne Abkühlungsphase, wobei einzelne Tatsequenzen im öffentlichen Raum stattfinden". Dabei ist ein drastischer Anstieg von jugendlichen Massenmorden seit 1998 zu verzeichnen. Bis 2006 gab es weltweit 99 Vorfälle, davon 75 in den USA und sechs in Deutschland. Das mittlere Alter der Amokläufer liegt bei 15,9 Jahren, vier Prozent davon sind weiblich. 65 Täter haben Suizid begangen.

Alle Täter kündigten ihre Tat vorher an Karoline Roshdi, Psychologin Traurige Berühmtheit erlangte das Massaker an einem Erfurter Gymnasium im Jahr 2002, bei dem Robert Steinhäuser 17 Menschen tötete. Ein Motiv der Amokläufer ist, durch eine finale Tat unsterblich zu werden und "Anerkennung" zu erhalten. In Zeiten des Internets ist es erschreckend, wie rasend schnell Amokläufer in Chatrooms und auf Wikipedia Stunden nach ihrer Tat mit Foto und Lebenslauf "weltberühmt" werden, und auf einschlägigen Internetseiten wie ein Gott verehrt werden.

Mit einigen Mythen rund um das Thema Amok räumte Karoline Roshdi kräftig auf. Das Täterbild des Einzelgängers, der Ballerspiele exzessiv betreibt, stimmt nicht. Es gibt auch Amokläufer, die einen Freundeskreis haben und im Vereinsleben aktiv sind. Die Täter kommen nicht durchgehend aus so genannten kaputten Elternhäusern und leiden ebenso wenig prinzipiell an einer Psychose.

Fakt ist aufgrund von Quellenforschung über Gerichts-, Schul- und Ermittlungsakten, dass die meisten zielgerichteten Gewalttaten eine Vorbereitungsphase haben. 93 Prozent der Täter fixierten ihre Planung schriftlich und zeigten sie anderen.

Viele Täter wurden von ihren Mitschülern gehänselt und verspottet und 78 Prozent drohten mit Selbstmord. 98 Prozent der Amokläufer mussten kurz vorher eine Verlusterfahrung durchleben, sei es eine gescheiterte Liebesbeziehung, das Sitzenbleiben oder der Tod einer Bezugsperson.

Doch "alle Täter kündigten ihre Tat vorher an", manche zeigten sogar ihre Waffen. Deshalb müsse man, so die Expertin, "hingucken und nachfragen". Wenn man Gewaltvideos entdeckt oder Waffen, sollte man darüber in ein Gespräch mit den Jugendlichen kommen, Fragen stellen und darüber Zugang bekommen.

"Die meisten wollen reden", sagte Roshdi aus ihren Erfahrungswerten. Auf schulischer Ebene sei es wichtig, aufzupassen, dass keine Hackordnung an der Einrichtung besteht, zum Beispiel wegen Markenklamotten.

"Es gibt erkennbare Krisensignale", betonte die Psychologin. Eine ganze Liste an Merkmalen, "keine Check-Liste", wie sie es nannte, führte die Expertin an. Neben einer geringen Frustrationstoleranz, hoher Kränkbarkeit und einem Ungerechtigkeits-Sammeln, ist auch ungewohntes Interesse an Gewalt oder chronisches Misstrauen ein Grund zum genaueren Hinschauen. Auf dem Weg zur Gewalt erscheinen dem Amokläufer die Probleme zunehmend unlösbar, der "Tunnelblick" bietet letztendlich nur die "Gewalt als letzte Alternative".

Auf Nachfragen einer Lehrerin aus dem Publikum, was man bei einem begründeten Verdacht tun soll, antwortete Karoline Roshdi, dass es wichtig sei, frühzeitig ein Netzwerk zu kontaktieren, das hilft. Das kann das Krisenteam an der Schule sein, ein Psychologe oder die Polizei. Doris Huhn

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