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02.09.2009 00:00 Uhr 0 Kommentare

Acht Gramm für die moderne Zeitungsforschung

Jubiläen: Heute vor 65 Jahren starb der Psychiater Gustav Aschaffenburg - Pionier der Kriminologie und ganz nebenbei Visionär von Mediennutzung

Aschaffenburg Die Vermutung liegt nahe, dass die Wurzeln dieses Mannes in der Stadt liegen: Warum sonst sollte seine Familie deren Namen tragen? Gustav Aschaffenburg kam Aschaffenburg aller Voraussicht nach aber nie näher als bis Würzburg. Dort studierte der am 23. Mai 1866 in Zweibrücken Geborene zeitweise Medizin, hier begann seine Karriere als ein Pionier der Forensischen Psychiatrie und der Kriminologie.
Acht Gramm für die moderne Zeitungsforschung
Gustav Aschaffenburg. International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945
Dass der Todestag von Gustav Aschaffenburg heute vor 65 Jahren - am 2. September 1944 - nahezu vergessen ist, begründet sich im Elend des Dritten Reichs: Der Sohn eines Talmud-Lehrers wurde 1934 wegen seiner jüdischen Vorfahren aus dem Dienst an der Uniklinik Köln entlassen.

Zu dieser Zeit war Gustav Aschaffenburg bereits ein hoch angesehener Kriminalpsychologe, sein "Das Verbrechen und seine Bekämpfung" von 1903 galt als Standardwerk der forensischen Kriminologie. Der Begriff "Forensik" bezeichnet die Zusammenfassung aller wissenschaftlicher Arbeitsgebiete, in denen kriminelle Handlungen analysiert werden: Der nach Studienaufenthalten in Wien und Paris weltgewandte Gustav Aschaffenburg hatte sich hier nach dem Ersten Weltkrieg als leitender Arzt der Beobachtungsabteilung für geisteskranke Verbrecher im Hallenser Gefängnis einen Namen gemacht.

Dieser Ruf wurde von seinem Nachfolger in Köln, dem NSDAP-Mitglied und strammen Antisemiten Max de Crinis rigoros ausgemerzt. 1939 emigrierte Gustav Aschaffenburg in die USA, wo er als Professor für Kriminalpsychologie an Universitäten in Washington und in Baltimore tätig war. 1942 ernannte ihn American Psychatric Association zum Ehrenmitglied.

Titel und Ehre konnten die Nationalsozialisten Gustav Aschaffenburg nehmen - seine Visionen überdauerten und haben zumindest in Teilen bis heute Bestand: Da sind nicht nur Kriminologen dem Psychiater zu Dank verpflichtet, sondern - etwas kurios anmutend - vor allem die Redaktionen von Tageszeitungen.

Gustav Aschaffenburg erkannte früh die Notwendigkeit, dass Zeitungen zum Überleben immer wieder neue Leser brauchen - also auch die Lesebedürfnisse dieser nachkommenden Klientel bedienen müssen. 1931 veröffentlichte er seine zwölfseitige Abhandlung "Die Zeitung in der Psychologie der Jugendlichen": damals - laut Angabe des Druckverlags Röhrscheid in Bonn - insgesamt acht Gramm Papier zum Preis von 60 Pfennigen. Heute, in Zeiten elektronischer Medien, wiegen sie schwer und könnten unbezahlbar sein zum Nutzen der Tageszeitung. Stefan Reis

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