Das hat zur Folge, dass die auflagenstärksten Zeitungen wie »Corriere della Sera« und »La Repubblica« alles bieten müssen: Vom Liebesleben der Hunziker bis zu philosophischen Abhandlungen des Intellektuellen Claudio Magris. Im Gegensatz zur deutschen Unterscheidung zwischen ernsthaftem Journalismus und auf Publikumserfolg zielenden Boulevardblättern finden sich in Italien die sogenannten »quotidiani omnibus«, in denen über Politik, Wirtschaft und Kultur, aber auch über Klatsch und Verbrechen berichtet wird.
Dabei nehmen Berichte über Strafverfahren gerne mal zwei Seiten ein, in denen der vermeintliche Täter noch vor Prozessbeginn nicht selten als »Monster von nebenan« bezeichnet wird. Fotos des Hauptverdächtigem nach einem Mord sind ebenso alltäglich wie Abhörprotokolle von Telefonaten zwischen (vermeintlichen) Mafia-Mitgliedern und Politikern - in Deutschland in seriösen Zeitungen dank des Pressekodexes und der Unschuldsvermutung undenkbar.
Während wir Deutschen am Kiosk also zwischen Klatsch und Kultur, zwischen Sex und Seriosität wählen dürfen, muss der Italiener sich durch das gesamte Angebot an Nachrichten wühlen, um »seine Artikel« zu finden. Deutsche Verlage können schon deshalb leichter auf ihre Zielgruppen eingehen, weil 70 Prozent der Leser Abonnenten sind - in Italien sind es gerade einmal acht Prozent. Morgens um 7 die Zeitung vor der Haustür? Solche Geschichten buchen Italiener als Legenden aus dem Norden ab.
Die Boulevardisierung ist nicht der einzige Unterschied zwischen der deutschen und der italienischen Presse: Die Trennung zwischen einer Nachricht und einem Kommentar ist für den Leser kaum zu erkennen - und so finden sich in einem vermeintlich neutralen Bericht auf Seite 1 schon Emotionen und Wertungen: »Von unserem hart erarbeiteten Steuergeld« ist in einer Nachricht ebenso zu finden wie »die grausame Mörderin mit den Engelsaugen«.
Die Auflagen der italienischen Zeitungen sind relativ niedrig: durchschnittlich 116 Exemplare werden pro 1000 Einwohner verkauft - in Deutschland sind es 343. Das liegt zum einen an den kulturellen Unterschieden zwischen Mailand und Palermo: 80 Prozent der Zeitungen werden in Nord- und Mittelitalien verkauft, im Süden gibt es noch verhältnismäßig viele Analphabeten und in einem Haus lebende Großfamilien, in denen zehn Menschen eine Zeitung lesen.
Ein weiterer Faktor, der die Zeitungslektüre in Italien hemmt, ist das Monopol der Kioske - das Regierungschef Mario Monti gerne aufbrechen würde: Zeitungen dürfen nur in den »Edicole« verkauft werden, nicht einmal in Büchereien, Geschäften oder Tankstellen sind sie zu finden. Die Kioskbesitzer konnten bislang auch den Aufbau eines modernen Vertriebssystems für Abonnements verhindern. Typisch für Italien: Besondere Interessen - durch Lobbys in den Parteien vertreten und auf diesem Wege in Gesetzen zementiert - bestimmen die Wirtschaft. Und das bedeutet: Nicht die Zeitung kommt zum Leser, sondern der Leser muss zum Kiosk gehen.
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