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27.08.2009 00:00 Uhr 0 Kommentare

Wahlplakate: "Tiefpunkt unseres politischen Anspruchsdenkens"

Ottmar Hörl Der Präsident der Akademie für Bildende Künste Nürnberg über die inhaltliche und ästhetische Qualität von Wahlplakaten

Wertheim-Dietenhan "Politik ist eine Frage des Gestaltens", sagt - neben anderen - der Präsident der Akademie für Bildende Künste Nürnberg, Ottmar Hörl. Der Gestaltungswert - und damit neben dem ästhetischen Effekt die inhaltliche Aussage - von Wahlplakaten ist Parteien deshalb sehr viel Geld wert. Eine Investition, die sich lohnt? Mit Ottmar Hörl sprach Stefan Reis.
\"Tiefpunkt unseres politischen Anspruchsdenkens\"
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Inwieweit können Wahlplakate eine Entscheidung beeinflussen?

Programmatisch sind Wähler nicht mehr zu beeinflussen. Das geht wohl nur noch über Manipulation, indem man dem Wähler so viel CDU, so viel CSU, so viel SPD usw. plakatiert, dass der meint, eine bestimmte Partei wählen zu wollen.

Die Programmatik hat sich vollkommen verloren. Kein Mensch weiß, wer die bessere Partei ist, weil kein Mensch mehr die Behauptungen glaubt, die er liest. Parteien kann man allenfalls noch vertrauen, dass sie aus halbwegs integren Menschen besteht.

Programme werden ja immer schneller adaptiert: Wenn einer ein gutes Programm hat und es scheint Erfolg versprechend, wird es sofort von den anderen übernommen - Hauptsache, es passt ins Erfolgsmodell, nicht: ins eigene Konzept. In der Politik haben wir inzwischen die Verhaltensweise der Musikindustrie: Dort wird in kürzester Zeit registriert, was beim Publikum ankommt - und sofort wird die aktuelle Musik darauf abgestimmt. So entsteht ein unglaublicher Brei und Identitäten verschwinden.

Parteien wissen, so denke ich, eigentlich gar nicht mehr, was sie auf Plakate schreiben sollen. Plakatierung im Wahlkampf ist eine formale Geste geworden, um auf die bevorstehende Wahl hinzuweisen. Die eigentliche Idee - auf Plakaten Unterscheidungskriterien darzustellen - ist verschwunden.

Wie kann ich auf einem Plakat, das ja plakativ sein muss, Unterscheidungskriterien darstellen?


Indem man unterschiedlich ist. Aber das sind Parteien nicht mehr. Deshalb verkommt das politische Plakat zum Allgemeinplatz.

War das jemals anders?

Es gab mal Zeiten, in denen Arbeiter die SPD als ihre Partei definiert haben und die Unternehmer- und Besser-Verdienenden-Parteien CDU und CSU waren. Die FDP war liberal, wurde zwischen SPD und CDU/CSU vermutet. Das waren bis vor etwa 20, 25 Jahren klare Positionen. Dann begannen sich die Programme zu nivellieren.

Ich unterstelle da keine böse Absicht, dieses Nivellieren ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung. Wir haben beispielsweise nicht mehr das klare Bild des Arbeiters: Wer heute als Facharbeiter bei Opel beschäftigt ist, verdient unter Umständen mehr, als ein Professor in der Besoldungsgruppe W2. Für Parteien wird es da unglaublich schwer: Die Programmatik oben/unten, rechts/links verwischt.
"Formale Übertreibung auf Plakaten könnte nachhaltige Wirkung erzielen."
Ottmar Hörl , Künstler

Insofern ist die Herausforderung, ein politische Plakat zu gestalten, eine Frage an jene, deren Aufgabe es ist, politische Plakate zu entwerfen. Diese Gestalter allerdings wollen ja kein Risiko eingehen, um sich den Auftrag zu sichern: Das Problem des politischen Plakats begründet sich in Gestaltern, die angepasst sind, die den Konflikt scheuen, die nicht renitent sind, die möglichst stromlinienförmig und politisch korrekt sind. Nur: Das sind keine Charaktere - und wo die dann gebraucht werden, sind keine mehr da.

Deshalb freuen wir uns so wahnsinnig, wenn mal einer aus der Reihe schert - und deshalb finden wir ja Herrn Guttenberg auch so sympathisch: Er kommt aus einer Kaste, in der er sich nicht anpassen musste. Wo Herr Guttenberg aufgewachsen ist, lebt man auch unangepasst: Wir haben überhaupt nicht vermutet, dass in dieser Ecke Charakterköpfe entstehen. Ein Mensch mit Charakter wagt sich vor und macht natürlich Fehler - was oft genug gesellschaftlich bestraft wird. Einem wie Guttenberg kann das letztlich egal sein. Er steht für das Phänomen, dass eventuell unsere Zukunft aus Positionen großer Unabhängigkeit gestaltet werden könnte.

Allerdings: Sie sagen selbst, dass wir Wähler durch unser Abstrafverhalten Angepasstheit und Charakterlosigkeit fördern.

Wir merken aber auch frei nach Goethe, dass wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr los werden.

Insofern kann die CSU nur gewinnen, wenn sie Guttenbergs Porträt als Aussage plakatiert. Sie kann damit zumindest nichts falsch machen. Und womit stellen die anderen Parteien ihre Individualität dar?


Wahlplakate leben ja von Kopf-Bildern. Guttenberg abzubilden ist keine Strategie im eigentlichen Sinn: Der Mann füllt ein Machtvakuum, nachdem sich die alten Schlaumeier in der Partei verkalkuliert hatten. Unter normalen Umständen wäre Guttenberg wohl nicht so hoch gekommen in der CSU. Bei den anderen Parteien gab es diesen Betriebsunfall nicht. Die SPD könnte plakatieren, was sie will: Das funktioniert nicht mehr. Da wird sich erst etwas ändern, wenn Leute, die innerhalb der Partei anders denken, nicht mehr ausgeschlossen oder auf die hintersten Plätze gesetzt werden. Guttenberg ist keine Programmatik, er ist die Sehnsucht einer Gesellschaft: Junge, begabe, mutige Menschen gehen in die Politik und riskieren etwas. Viele etablierte Politiker haben noch nicht kapiert, was den Erfolg dieser Person ausmacht. Das Aussitzen aus der Kohl-Ära mag zwar Politik am Leben halten - aber es löst nicht die Probleme einer Gesellschaft.
"Ich erwarte eine klar ausmachbare Botschaft von den Parteien." Ottmar Hörl , politisch Denkender
Womit wir wieder beim Wahlplakat sind: Was soll man drauf schreiben? Man nimmt also einen Star, der aus der Pop-Kultur zu kommen scheint: Aber das kann's ja auch nicht sein - denn der Kopf Guttenbergs ist kein Programm. Dieses Phänomen ist derzeit lediglich der Glücksfall einer Partei - mehr nicht: Die Partei als solche hat sich im Grunde nicht verändert.

Nehmen wir als Gegenbeispiel Herrn Steinmeier: Wie kommt eine Partei dazu, ihn zum Kanzlerkandidaten zu küren, als Titel-Kopf auf Plakate zu setzen? In der Leichtathletik würde das bedeuten: Ich schicke den Langsamsten zur Meisterschaft - und wundere mich hinterher, warum er nicht gewonnen hat.

Aber Steinmeier macht sicherlich einen sympathischen Eindruck und könnte damit viele Wähler ansprechen.

Die Idee der Sympathie ist paradox geworden. Wir sind nicht über Nacht ein Land der Idioten geworden - deswegen gibt es ja auch keine Parteien mit eindeutigen Mehrheiten mehr: Parteien setzen zwar auf Sympathiewerte - Wähler wollen, so glaube ich, aber klare Aussagen, auch wenn die weh tun. Die Menschen kennen doch die Probleme und wissen genau, dass eine Partei, dass ein Politiker mit Nettigkeit nicht einfach mal so Probleme löst.

Nur: Welche Möglichkeit - außer dem Politikerporträt oder dem Schlagwort - hat denn eine Partei, um Wähler anzusprechen? In Ihrer Lesart ist das Wahlplakat in der jetzigen Form überflüssig.

Das Wahlplakat ist nicht überflüssig, es ist, so wie es von allen gestaltet wird, rausgeschmissenes Geld. Viele, die jetzt Guttenberg für gut empfinden, kennen den Mann nicht und wissen wohl auch gar nicht, wofür er inhaltlich steht. Ich erwarte eine klar ausmachbare Botschaft von den Parteien. Diese klaren Aussagen sind sicherlich nicht immer jedermanns Geschmack - aber sie sind ehrlich.

\"Tiefpunkt unseres politischen Anspruchsdenkens\"
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In Alzenau-Wasserlos hängen wie in allen anderen Gemeinden der Republik derzeit viele Wahlplakate. Eines von ihnen - ein CSU-Plakat - ist mit schwarzer Schrift überschrieben worden, so dass wir nun lesen: "Was unser Land jetzt braucht: Leberwurst". Dieses Plakat bleibt in Erinnerung - Besseres kann einer Partei doch nicht geschehen, und das wegen eines scheinbar sinnentleerten Begriffs.

Und was bedeutet das? Sinnentleerung erzeugt eine ungeheure Aufmerksamkeit. Sind wir politisch so weit heruntergekommen? Der Joke und nicht die politische Botschaft bleibt beim Wähler haften. Das sagt uns doch: Eine formale Übertreibung auf Plakaten könnte die nachhaltigere Wirkung beim Betrachter erzielen. Warum nicht politisch provozieren - und auf einlullende Allgemeinplätze verzichten? Das ist eine hervorragende Aufgabe für Wahlplakat- Gestalter: eine Botschaft zu finden, die die Gesellschaft zur Diskussion verleitet.

Wie kann eine Partei auf einem Wahlplakat die Gesellschaft auf konstruktive Weise herausfordern? Ganz einfach: Indem sie Charakter zeigt. Peer Steinbrück von der SPD beispielsweise halte ich für einen hervorragenden Politiker: Der Mann hat Profil, er ist klar in der Sprache, er ist risikobereit, er macht jede Menge Fehler und setzt sich in jeden Fettnapf - aber er ist ein Charakter. Als Wähler kann ich mich an ihm reiben, mich mit ihm auseinandersetzen. Mit diesem Mann kann die SPD Wähler herausfordern statt sie einzuschläfern.

Bleiben wir bei der "Leberwurst": Die CSU könnte den sicher so gemeinten Spott ummünzen in die Aussage: Genau diese Leberwurst braucht unser Land, sie ist ein Sinnbild unseres täglichen Brots.

Aber so ist das sicher nicht gemeint. Hier hat ein Anonymus den Inhalt der Leberwurst verstanden: Man weiß am Besten gar nicht, wie sie gemacht wird. Das ist doch ein einziger Brei, in den alles gemengt wird.

Sagen Sie.

Ja. Die Aussage ist genial: Hier stellt jemand fest, dass wir inzwischen sowieso alles schlucken; dass es vollkommen egal ist, was auf Wahlplakaten steht. Wir fressen alles, wir sind am Tiefpunkt unseres politischen Anspruchsdenkens angekommen.

Kann der Partei doch egal sein. Hauptsache sie hat einen Hingucker mit Erinnerungswert.

Ja und nein. Eher sollten sich Parteien Gedanken machen, wenn ihre Plakate auf diese Weise neu gestaltet werden. Denn die Aussage - "Unser Land braucht Leberwurst" - versteht jeder im Lande. Das ist vollkommene Frustration und sicher nicht geeignet, auch nur einen positiven Aspekt darin zu sehen.

In Baden-Württemberg setzt die CDU auf Wahlplakaten auf ein "Wir", unterlegt von Schwarz-Rot-Gold. Wäre gemäß Ihrer Philosophie ein "Ihr" - das Volk - provozierender, ehrlicher, aussagekräftiger? Denn dann tut die Partei nicht so, als sei sie die Republik und nimmt vielmehr die Wähler in die Verantwortung.

Genau so ist es. Jetzt ist der Eindruck: Die sagen zwar "wir", wollen aber eigentlich nur meine Stimme. Und das ist grundlegende Problematik von Wahlkampf überhaupt. Das nimmt doch kein 14-Jähriger einer Partei ab.

Trotzdem haben wir die Erwartungshaltung an Parteien, für uns da sein zu sollen; die Probleme der Gesellschaft zu lösen.

Und trotzdem muss ich keine falschen Hoffnungen wecken. Wahlplakate sollen Fragen stellen und nicht scheinbar Antworten geben, die doch nur Leerformeln sind. Parteien lösen zunächst einmal überhaupt keine Probleme, so ehrlich müssen sie und muss jede Gesellschaft sein.

Ich will auch da Politikern keine Absicht unterstellen, da wirken oft genug Verwaltungen und PR-Agenturen wie Wattebäusche. Insofern sind wir wieder bei Guttenberg. Warum lässt der Mann von einer juristischen Societät eine Gesetzesvorlage erstellen: Das ist die Niederlage des Hofschranzentums - weil einer erkannt hat, dass das eigene Ministerium von Leuten verwaltet wird, die keine Ideen entwickeln; die Dienst nach Vorschrift machen. Das ist die klare Botschaft, die Wahlplakaten fehlt.


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