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24.07.2009 00:00 Uhr 0 Kommentare

Tunnelblicke in das Paradoxe des Seins

Kunst "Was sonst soll ich lieben, wenn nicht das Rätsel?" mit zehn Teilnehmern im Kunstlanding Aschaffenburg

Aschaffenburg Die Uhr tickt, hämmert gegen die Schädeldecke, treibt die Zeit vor sich her. Und der Mensch steht vor der verspiegelten Uhr und sieht sich im Zentrum der Gegenwart - spürt, dass jeder Augen-Blick den Moment zur Vergangenheit werden lässt; dass er im Stillstand doch voranschreitet in seiner Geschichte.
Tunnelblicke in das Paradoxe des Seins
"Singularität" nennt die 30 Jahre alte Polin Alicja Kwade ihre mit Mikrofonen und Lautsprechern zusammen geschaltete Atomuhr, deren Klang nicht nur raum-, nein: das ganze Kunstlanding füllend ist. Ab morgen offenbart das in diesem Jahr geschaffene Werk dem Besucher des Neuen Kunstvereins in Aschaffenburg die Rätselhaftigkeit des eigenen Bilds. Und unausweichlich wird sich der Betrachter des Kunstwerks und seiner selbst fragen "Was sonst soll ich lieben, wenn nicht das Rätsel?": Nicht zufällig ist das der von den beiden Kuratoren Antje Krause-Wahl und Bernd Reiß gewählte Titel nach einem Motto des Surrealismus-Vorläufers Giorgio de Chirico (1888 bis 1978).

Alicja Kwade (derzeit Berlin), Armin Boehm (geboren 1972, Berlin), Shannon Bool 1972, Kanada/Berlin), Martin Hoener (1976, Berlin), Daniel Kannenberg (1971, Berlin), Matthias Meyer (1972, Hamburg), Philipp Morlock (1974, Mannheim), Bénédicte Peyrat (1967, Paris/Karlsruhe), Ernst Stark (1965, Frankfurt) und Leo Wörner (1982, Mainz) geben in der Tat Rätsel auf mit ihren Kunstwerken, die über die drei Stockwerke des Kunstlandings zwar verteilt sind und in der Summe des Eindrucks doch eine Einheit bilden: Scheinbar Bekanntes (Bénédicte Peyrat an flämische Meister erinnernde Großgemälde), vermeintlich Vertrautes (Leo Wörners 16-Millimeter-Film von der Mondlandung 1969), solide wirkende Handwerkskunst (Philipp Morlocks Kutschen aus Metall und Holz) und eindeutig scheinende Routine (Armin Boehms monotonfarbene Fläche) fordern mehr als den flüchtigen Blick beim Gang durch die Schau. Jedes der Werke hat sein Geheimnis - und selbst wenn die Legenden dazu Erklärungen abgeben: Das jeweilige Rätsel muss der Betrachter schon selbst lösen.

Peyrats Figuren beispielsweise wirken in ihren Übergrößen bedrohlich - und lassen mit ihren erst allmählich wahr genommenen Deformationen doch Mitgefühl keimen.

Oder Wörners Mondfahrt: Nie wird die Raumkapsel den Mond erreichen, denn der Künstler lässt die Original-Nasa-Aufnahmen immer wieder zurück laufen - was in der Raum- und Zeitlosigkeit des Orbits erst mit Geduld zu entdecken ist. Dem einen mag das das wohlige Gefühl der Schwerelosigkeit geben, der andere spürt das Unbehagen über die Vergessenheit im Niemandsland.

Enge zu Weite ... Oder Morlocks Kutschen: Pechschwarz lackiert sind sie, vollkommen geschlossen - und jede von ihnen hat in der Formgebung das Charakteristikum einer düsteren Seele: von Menschen wie dem Pariser Heiratsschwindler und Frauenmörder Henri Désiré Landru (1869 bis 1922) zum Beispiel.

Und Armin Boehms Schwärzungen von Leinwänden und Holzplatten schließlich beginnen je nach Lichteinfall in immer neuen Farben zu schillern: Metallstaub liegt über den Ölfarben, die am Anfang der Arbeit so farbenprächtig waren und die der Künstler mit Fortschritt des Werks immer weiter ihrer natürlichen Freude beraubte und mit Metall und Licht eine künstliche schafft.

... und Leere zu Fülle Dieses Verfremden ist nicht das eigentliche Rätsel, es ist Mittel zum Zweck - und bündelt oft genug den Blick auf das Wesentliche: Matthias Meyers sechs Minuten dauernder, aber in der Endlosschleife laufender Film "Beaufort" ist gefertigt aus schwarzweiß eingefärbten Versatzstücken der Kinostreifen "Meuterei auf der Bounty" und "Moby Dick" - aus denen der Künstler alle Schauspieler herausretuschiert hat. So verengt sich der Blick auf das Wesentliche und weitet sich zugleich: Plötzlich wird die Unendlichkeit der Meere sichtbar, wo zuvor das Endliche der Handlung dominierte.

Es spricht für das Ansehen des Kunstlandings, das einige der vorgestellten Werke eigens für diese Schau entstanden. Bis auf wenige Ausnahmen hatten die Beiträge im vergangenen oder in diesem Jahr ihre Geburtsstunde. Dennoch haben es die Kuratoren mit der Wahl der beteiligten Künstler geschafft, ein stimmiges Ganzes zu erzeugen - indem sie auf die Philosophie der Künstler eben so eingingen wie auf de Chiricos These, ein Rätsel motivierte zu künstlerischem Schaffen. Chiricos surreale Szenen haben als kompositorisches Element die Leere - was in der Fortschreibung seines Denkens mit der Ausstellung im Kunstlanding nicht wörtlich, eher sinnbildlich gemeint ist: Shannon Bools "Girl, interrupted" ist eine in Stücke geschnittene und wieder zusammen gefügte Striptease-Stange, Daniel Kannenbergs "What's my name" ein dreiteiliges Ölgemälde mit aus einem Telefon gereckten Händen - die in der Gebärdensprache exakt den Titel des Triptychons formen.

Aber auch die Leere hat - kein Paradox - ihre Fülle: Ernst Starks aus Holzblöcken ziselierte Waldlandschaften sind auf die Distanz apokalyptische Landschaften, die mit jedem Schritt der Annäherung zu wuchernden Urwäldern werden. Und auch Martin Hoeners "Funny Guy" ist mehr als nur ein beiläufiger Blick wert: Der unscheinbare, weißlackierte Hängeschrank ist gleich das ganze Welttheater - die zwölf Glühbirnen eines Schminkspiegels sind nur der Pfad, auf dass dem Betrachter ein Licht aufgehe.

Diese Ausstellung ist also zugleich ein Labyrinth: Jeder Besucher wird ans Ziel kommen - der eine mit mehr, der andere mit weniger Arbeit. Das hängt auch davon ab, mit welchem Vorsatz das Kunstlanding betreten wird. Durchaus reicht es, sich an der Kreativität und Phantasie des Menschen zu erfreuen. Aber noch viel schöner wird dem diese Schau, der sich von seiner eigenen Phantasie treiben lässt. Stefan Reis "Was sonst soll ich lieben, wenn nicht das Rätsel?" im Kunstlanding Aschaffenburg (bis 13. September). Eröffnung morgen, Samstag, 18 Uhr. Landingstraße 16, Tel. 06021/299278, Internet www.nkvaschaffenburg.de . Di 14 bis 19 Uhr, Mi bis So 11 bis 17 Uhr.
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