Mit seinem rätselhaften Horrorfilm «Antichrist» überschreitet von Trier neue Grenzen in Sachen Sex, Gewalt und Seelenqual und stellt das Publikum vor eine echte Herausforderung.
Kein anderer Filmemacher kokettiert so hemmungslos mit der Verbindung von Genie und Wahnsinn wie der 53-Jährige, der mit heftigen, intensiven Dramen wie «Breaking The Waves» und «Dancer In The Dark» oder «Dogville» schon viele Preise gewonnen hat. «Ich bin der beste Regisseur der Welt», provozierte er dieses Jahr nach der Uraufführung von «Antichrist» beim Festival in Cannes. Zugleich wird von Trier nicht müde, über seine schwere Depression zu berichten. Glaubt man dieser Darstellung, dann ist «Antichrist» ein Produkt cineastischer Selbsttherapie, zum größten Teil gedreht im Bergischen Land mit Mitteln der Filmstiftung NRW. Von Trier: «Ich habe diesen Film nur für mich selbst gedreht, nicht für das Publikum.»
Doch in seiner visuellen Kraft merkt man «Antichrist» nicht an, dass er von einem traurigen, zittrigen Regisseur inszeniert wurde. Lars von Trier ist nach wie vor ein Meister der Manipulation. Im ersten Akt sieht man Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe als Ehepaar beim Geschlechtsakt unter der Dusche und im Bett - die pornografischen Szenen wurden mit Bodydoubles gedreht. Ihr kleiner Sohn krabbelt derweil zum Fenster, zeigt seinem Teddy das magische Schneegestöber draußen. Das Fenster ist offen, der Junge stürzt in den Tod. Das alles in Superzeitlupe, in postertauglichen Schwarzweißbildern, unterlegt mit einer epischen Arie: gewaltig.
Dann geht es weiter, in Farbe und leicht magischem Realismus. Die Mutter trauert, der Vater - ein Psychotherapeut - bricht bedenkenlos mit dem Tabu seines Berufsstandes und zwingt seine Frau zur Privattherapie durch den totalen Rückzug in eine einsame Hütte. Im Wald gibt es einen Fuchs, der spricht: «Chaos regiert.» Am Ende steht die Frau als schuldhafte Hexe da und wird von ihrem Mann getötet. Um ihren Tod zu rechtfertigen, hat sie ihm vorher das Bein grob durchbohrt, einen Schleifstein über seinen Fuß gepflockt und sich selbst mit einer Schere genital verstümmelt - in Großaufnahme.
Für ihr Martyrium erhielt Charlotte Gainsbourg in Cannes zurecht den Preis als beste Darstellerin. Doch ansonsten polarisierte «Antichrist» extrem. Von-Trier-Anhänger würdigten seine stilistischen und intellektuellen Stärken: die Auseinandersetzung mit dem christlichen Erlösungsglauben und Urängsten, mit Naturmythen und nicht zuletzt mit den zweifelhaften Ansätzen der modernen Traumatherapie. Horrorfans betrachteten den Film als verstörende Bereicherung des Genres. Aber viele andere mochten dem Regisseur einfach nicht mehr in die abstrusen Untiefen seiner eigenen Seelenlandschaft folgen.





































