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24.07.2010 00:00 Uhr 0 Kommentare

Seit 60 Jahren eigenständige Pfarrei

Durch Kleinkahl (1): Kirche St. Josef 1814 nach zweijähriger Bauzeit geweiht - Kurz darauf stürzte eine Seitenempore ein

Kleinkahl  Umgeben von Pfarrhaus, Friedhof, Schule, Rathaus und Turnhalle bildet die Pfarreikirche St. Josef das Herz der Gemeinde Kleinkahl. Durch diese Kommune führt die neue Folge unserer Rundgang-Serie. Zwar haben die spätklassizistische Anlage und auch die Pfarrei selbst eine recht junge Vergangenheit, dafür umso mehr eine interessante Geschichte, wie dem 2001 erschienenen Kleinkahler Heimatbuch zu entnehmen ist.

Pfarrer Ferdinand Fleckenstein, letzter Lokalkaplan und erster Geistlicher der selbstständigen Pfarrei Kleinkahl inmitten großer Ministranten, die er eingeführt hat (Motiv um 1960, von links): Alfred Leistenschläger (heute als »Strohprofessor« bekannt), Erwin Büttner (Wirt der »Dorfschänke«), Alfred Wüst und Armin Amberg. Die Vier »dienten« anlässlich der Hochzeit des fünften großen Ministranten, Anton Leistenschläger, der hier nicht zu sehen ist. Repro: Armin Amberg
1814 wurde die Kirche als Gemeinschaftsprojekt der selbstständigen Gemeinden Edelbach, Groß- und Kleinlaudenbach, Groß- und Kleinkahl geweiht. Bis die kleinen Orte samt Glashütte und Wesemich mit zusammen 1016 Einwohnern (im Weihejahr der Kirche) gemeinsam im eigenen Haus Gottesdienst feiern konnten, war es ein mühsamer Weg.
Zur Pfarrei Ernstkirchen
Zunächst gehörte Kleinkahl nämlich ebenso wie Schöllkrippen, Sommerkahl, Vormwald, Blankenbach, Erlenbach, Kaltenbach, Unter- und Oberwestern sowie Huckelheim zur Pfarrei Ernstkirchen, die 1185 erstmals urkundlich erwähnt wurde und Mitte des 18. Jahrhunderts etwa 3000 Katholiken zählte.
Die Gläubigen hatten nicht nur einen weiten Weg nach Ernstkirchen zu gehen, auch ihre Toten wurden hier auf dem einzigen Friedhof begraben.
Unter Karl-Theodor von Dalberg (1744-1817), Fürst von Aschaffenburg, verbesserte sich die Situation. 1812 genehmigte die Obrigkeit den Plan für einen Kirchenbau.
Dabei verpflichteten sich Kleinkahl, Großkahl, Kleinlaudenbach, Großlaudenbach und Edelbach nicht nur, den Bauplatz zu stellen, sondern auch Hand- und Spanndienste zu leisten und die Einrichtung zu bezahlen, sollte die aus dem überörtlichen Pfarrfonds, dem Universitätsfonds und vom Grafen von Schönborn bereitgestellte Bausumme von insgesamt 6500 Gulden nicht reichen. Außerdem hätten die fünf Ortschaften »auf ewige Zeiten« für den Unterhalt des Kirchengebäudes zu sorgen, hieß es.
Zwei Jahre dauerte die Baumaßnahme. Da unterdessen das Geld ausging, sah man sich gezwungen, Kapital aus vermögenden Nachbarpfarreien zu borgen.
Ausgestattet mit dem Nötigsten fand im Oktober 1814 die Einweihung der Kirche statt. Sie erhielt den Namen »Heilig-Kreuz-Kirche« und war dem heiligen Josef geweiht.
Der Jubel über die eigene Kirche wich bald darauf dem Jammer. Am ersten Weihnachtstag 1814 »stürzte die rechte, mit Menschen gefüllte Seitenempore unter großem Krachen ein, wobei es einen Toten und ungefähr ein Dutzend Verletzte gab, davon mehrere schwer«, schildert Winfried Steigerwald im Heimatbuch.
Baulich und von der Ausstattung her wäre später noch vieles im Argen geblieben, hätte nicht das Aschaffenburger Stiftsvikar mit einem zinsfreien Darlehen geholfen.
Die Seelsorge der neuen Filialgemeinde Kleinkahl übernahm in den nächsten Jahren der jeweilige Kaplan der Ernstkirchener Pfarrei. 1940 kam Ferdinand Fleckenstein als letzter Lokalkaplan nach Kleinkahl. Zehn Jahre später war der gebürtige Dörnsteinbacher der erste Pfarrer in der nun selbstständigen Pfarrei. Er blieb bis 1965.
Auch wenn auf dem Messingschild am Kirchenportal die Jahreszahl 1953 steht, darf sich St. Josef bereits ab 1950 selbstständige Pfarrei nennen, weiß Steigerwald aus aktenkundigen Kirchenunterlagen.
Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtete Steigerwald, dass Domkapitular Dr. Dr. Karl Staab (1875-1954) - ein gebürtiger Großlaudenbacher - der »Promotor« für die Erhebung Kleinkahls zur eigenständigen Pfarrei gewesen sei. Auf Staab, der 1945 zum päpstlichen Prälat ernannt wurde, gehen wir in einer eigenen Folge des »Rundgangs« näher ein.
Ab 1965 wirkte der Ortsgeistliche Alois Nürnberger in Kleinkahl. In seiner 13-jährigen Amtszeit gab es weitere bauliche Veränderungen, und das ehemalige Bäckereianwesen Glaab wurde zum Pfarr- und Jugendheim.
Priestermangel seit 1978 spürbar
Seit 1978 machte sich schon der Priestermangel bemerkbar. Kleinkahl, zu dem nun auch der Weiler Bamberger Mühle gehört, muss sich seither seine Geistlichen mit anderen Orten teilen - zunächst mit Geiselbach. Unter Pfarrer Stefan Redelbach wurde 1999 eine umfangreiche Kirchenrenovierung und Umgestaltung abgeschlossen.
Im selben Jahr ordnete die Diözese die Zuständigkeiten im oberen Kahlgrund neu. Seitdem haben Schöllkrippen und Kleinkahl einen gemeinsamen Seelsorger. 2009 bildeten sie die Pfarreiengemeinschaft St. Josef Kleinkahl - St. Katharina Ernstkirchen.
Doris Pfaff

Die Kleinkahler Pfarrkirche St. Josef ist ab 1812 als Gemeinschaftsprojekt von fünf Gemeinden errichtet worden.

Foto: Doris Pfaff